Zukunft des Ruhrgebiets – auf das Miteinander kommt es an

14.04.15

Wie kann die Wirtschaft des Ruhrgebiets künftig an Dynamik gewinnen? Der Zukunftsforscher Erik Händeler ist am 18. Mai Keynotespeaker des INQA-ddn-Regionalforums „Zukunft sichern – Arbeit gestalten“ in Dortmund. Einige seiner Thesen diskutierte der Spezialist für lange Strukturzyklen und makroökonomische Prognosen im aktuellen Interview mit ddn-Redakteur Pascal Frai.

Frai: Herr Händeler, vor wenigen Monaten lief im Bochumer Opel Werk das letzte Auto vom Band. Im Ruhrgebiet verliert das produzierende Gewerbe damit weiter an Stärke. Wo sehen Sie die Zukunft des mit fünf Millionen Einwohnern größten Ballungsraums Deutschlands?


Händeler: Wir werden auch weiterhin Güter wie Autos produzieren, aber eben nicht mehr per Hand wie früher am Fließband. Diese Arbeit haben uns elektronisch gesteuerte Maschinen abgenommen. Was für uns an Arbeit bleibt, ist zunehmend Gedankenarbeit: Planen, organisieren, in der gigantischen Wissensflut das Wissen suchen, das ich gerade brauche, um mein Problem zu lösen. Das ist eine Wertschöpfung an sich, etwa wenn man einen Berater, einen Grafiker oder einen Entwickler bezahlt. Aber mit dieser Art von Arbeit werden wir auch die Maschinen steuern und Güter produzieren. Entscheidend wird nun sein, wie gut das Ruhrgebiet sich auf immaterielle Gedankenarbeit umstellt. Außerdem hat man traditionell eher Politiker gewählt, die behauptet haben, der Staat könne Arbeitsplätze schaffen oder über Geld die Wirtschaft steuern, anstatt die Leute zu eigenständigem unternehmen zu ermutigen. Das hat den Strukturwandel verschleppt.

Frai: Seit Beginn der Kohlekrise im Jahr 1957 befindet sich das Ruhrgebiet in einer anhaltenden Phase des Strukturwandels, geprägt durch wirtschaftliche Anpassungsschwierigkeiten. Die Arbeitslosigkeit ist mit über 10 Prozent vergleichsweise hoch. Erst jeder zweite Beschäftigte ist im Dienstleistungssektor tätig. Prallen die von Ihnen thematisierten Strukturzyklen an der Region ab?

Händeler: Die Mentalität, das Sozialverhalten bestimmt die Produktivität und damit, wie viel rentable Arbeitsplätze eine Region anbieten kann. Mentalitäten und Verhalten lassen sich aber nicht so schnell verändern. Ich vermute: Regionen mit seit Generationen selbständigen Bauern und Handwerkern in gewachsenen Strukturen sind im Umgang mit Wissen und Informationsströmen - mein Onkel hat im Nachbardorf einen ehemaligen Schulkameraden, und der kennt jemanden, der meine Maschine reparieren kann - einfach produktiver als Regionen, in denen eine Mehrheit der Menschen als kleiner Arbeiter in einer Massenfabrik auf den Großunternehmer geschaut haben oder auf den Staat. Warum das Sozialverhalten den Ausschlag gibt? Bei Dienstleistung kenne ich den Wert der Arbeit ungefähr, ich weiß, wie lange ein Taxifahrer braucht, um mich zum Bahnhof zu bringen oder der Kellner mir ein Bier. Bei Wissensarbeit hängt die Produktivität aber nicht mehr linear von der Zeit ab: Ein Techniker kann nach drei Minuten die Lösung gefunden haben, er kann aber auch nach drei Stunden noch bei null sein. Maschinen, Geld und Wissen sind weltweit gleich und austauschbar, der einzige Unterscheid wird die Mentalität, mit Wissen umzugehen. Denn Umgang mit Wissen ist immer Umgang mit anderen Leuten, die wir unterschiedlich kennen und mögen.

Frai: Der Umgang mit unstrukturierter Information und das Gesundheitswesen sind nach Ihrer Einschätzung die künftigen Treiber der wirtschaftlichen Entwicklung. Wie kann das Ruhrgebiet davon profitieren und welche Weichen sollten schon jetzt gestellt werden?

Händeler: Es geht um Bildung, Sozialverhalten und einer längeren produktiven Lebensarbeitszeit. Drei mittelmäßige Leute, die gut zusammenarbeiten, sind bedeutend produktiver als der Super-Crack, bei dem es aber leider nicht gelingt, die Ergebnisse der Arbeitsteilung zusammenzufügen. Der Wissensarbeiter der Zukunft muss sich einfügen können; er muss individuell denken können und eine bessere Lösung gegen die anderen vorbringen können, aber er muss vom Gesamtnutzen her denken statt nur von seiner Kostenstelle und seiner eigenen Karriere. Zur Gesundheit: Wir müssen weniger arbeiten, um länger arbeiten zu können.

Frai: In dem Regionalforum von INQA und ddn wird es um ganz konkrete Gestaltungsmöglichkeiten gehen. Was sind die drei wichtigsten innerbetrieblichen Handlungsfelder, die Unternehmer jetzt in Angriff nehmen müssen?

Händeler: Das ist einmal die Unternehmenskultur: Je komplexer alles wird, umso mehr sind wir auf das Wissen der anderen angewiesen. Die Schnittstellen zwischen Menschen, das Sozialverhalten, fair zu streiten, Wahrhaftigkeit, Versöhnungsbereitschaft, davon hängt ab, ob eine Firma am Weltmarkt überlebt oder zu teuer wirtschaftet. Zweitens wird Bildung immer teurer, so dass sie sich länger amortisieren muss - wir müssen die Leute länger im Betrieb halten. Das wird aber nur gelingen, wenn wir die Arbeitswelt ändern, die Fünf-Stunden-Schicht in der Produktion ab 58, das Zurückfallen von ehemaligen Chefs zwei Hierarchiestufen tiefer ohne Gesichtsverlust bei natürlich weniger Bezahlung; weniger Statusorientierung. Stattdessen zählt, wer mit seinen Fähigkeiten zur tagesaktuell geforderten Kompetenz passt.

Frai: Herr Händeler, vielen Dank für das Interview.

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