Work Ability Index 2.0 – was steckt dahinter?

10.12.15

ddn-Mitglied Udo Kiel zählt zu den ersten Experten in der DACH-Region, die zum „Facilitator WAI 2.0“ ausgebildet wurden. Training und Zertifizierung wurden im Oktober 2015 durch ddn Beirat Prof. Dr. Juhani Ilmarien und Dr. Jürgen Tempel durchgeführt. WAI steht für Work Ability Index (WAI) und ist ein etabliertes Messinstrument zur Erfassung der Arbeitsfähigkeit von Erwerbstätigen. Was es mit dessen Weiterentwicklung zum WAI 2.0 auf sich hat, erläutert Kiel im ddn-Fachinterview. 

Warum überhaupt WAI 2.0?

Schon Basel II und verstärkt mit Basel III wird Humankapital als Werttreiber oder Wertrisiko zunehmend einen zentralen Stellenwert bei der Bewertung von Unternehmenswerten erhalten. Bei allein über 135.000 zu erwartenden Unternehmensnachfolgen zwischen 2014 und 2018, weiter fortschreitenden Wellen von Merger and Akquisition sowie der Tendenz zu Gründung von wissensintensiven Unternehmen wird mittelfristig kein Weg an einer validen Bewertung der Unternehmenswerte auch auf Basis der Human Faktoren vorbeigehen.

Und hierbei hilft WAI 2.0?

Ganz klar JA – denn insbesondere zwei Wertesysteme sind hierbei von Interesse. Zum einem das Wissenskapital und zum anderen das „Leistungsvermögen-Kapital“. Für das „Leistungsvermögens-Kapital“ wurden mit dem „Work Ability Index“ und dem „Work Well Being Index“ zwei zentrale Kennzahlensysteme entwickelt, die verknüpft sowohl Fakten über das aktuelle „Leistungsvermögens-Kapital“ liefern, als auch im Zusammenspiel konkrete Hinweise zur Sicherung, Stärkung und Förderung des Wertes ermöglichen.  

Reicht es dann nicht, den WAI oder den WWBI zu nutzen?

Die Nutzung des WAI oder des WWBI war bislang sowohl aus Datenschutz rechtlichen Gründen, als auch bezogen auf den Aufwand nur bedingt für Unternehmen – insbesondere große Unternehmen geeignet. Attraktiv an dem System „WAI 2.0“ ist nunmehr, dass es Ilmarien und Kollegen gelungen ist, in jahrelangen Pilotstudien eine wissenschaftlich validierte, effektive und kostengünstige Lösung zu erarbeiten. Mehr noch, mit diesem System ist es Unternehmen grundsätzlich möglich, den Wert periodisch selbst zu ermitteln, Maßnahmen zur Sicherung und Förderung selbst zu entwickeln und im Erfolg zu überprüfen. Dabei ist die Methode – zumindest nach jetzigem Kenntnisstand – international anwendbar und somit auch für international tätige Konzerne geeignet. 

Wie funktioniert WAI 2.0? 

Mit gerade einmal 23 Fragen, die im Rahmen von Mitarbeiterbefragungen zu erheben sind, können demnach sowohl der WWBI als auch der WAI ermittelt werden. Kombiniert mit einigen zentralen Kennzahlen, wie Krankenstand, Altersverteilung, Stand der Gefährdungsbeurteilung, Produktivität oder Qualifizierungen (…), ergibt sich ein konsistentes und Benchmark fähiges Bild über das „Leistungsvermögens-Kapital“ des Unternehmens und seiner Einheiten.

Was hat es mit dem Begriff „Facilitator“ auf sich?

In der Zertifizierung zum „Facilitator WAI 2.0“ ging es insbesondere um den Aspekt der Auswertung und in der Folge der Initiierung eines Prozesses zur Wertesicherung und Wertsteigerung. „Facilitator“ umschreibt dabei eine neue - andere Funktion von „Beratung“. 

Verkürzt als Hilfe zur Selbsthilfe umschreibbar, wobei dies allerdings viel zu kurz greift, da es nicht um einen Einzelnen geht sondern um die Vielfalt in Organisationen. Facilitation bedeutet eine Gruppe von Menschen mit teilweise sehr unterschiedlichen Überzeugungen, Interessen und Kenntnisständen in einen konstruktiven Veränderungs-Dialog und -prozess zu führen und mit Hilfe von spezifischen Instrumenten und Methoden in kürzester Zeit zum gemeinsamen Handeln zu bewegen. 

Wie sieht das konkret aus?

In der Schulung zum „Facilitator WAI 2.0“ wurden wir von Prof. Juhani Ilmarien und Dr. Jürgen Tempel in der Planung und Durchführung eines solchen Prozesses trainiert. Die Anwendung zweier Facilitatoren-Methoden stand dabei im Mittelpunkt des Trainings. Zum einem die Durchführung des „Arbeitsbewältigungs – Personen – Radar“ (AB-PR) und zweitens des „Arbeitsbewältigungs – Betriebs – Radars“  (AB-BR).  Besonders an der Methode ist, dass man bereits mit einem Aufwand von 2 Tagen zu konkreten Ergebnissen und ins Handeln kommt. 

Ihr Fazit?

Für mich als „Zahlenmensch“ waren natürlich die Fragen der Validität des Fragebogens und der Aussagefähigkeit der Kennzahlen von primärem Interesse. Beide Aspekte kann ich mit guten Gewissen als vollständig erfüllt erachten. Die Fragen messen punktgenau das „Leistungsvermögens-Kapital“ eines Unternehmens. Natürlich ist noch nicht abschließend geklärt, wie diese Zahlen in konkrete Euro-Werte umzurechnen sind. Hierfür bedarf es erst einmal einer breiteren Anwendung. Tendenzielle Aussagen in der Weise, dass der ermittelte Wert grundsätzlich die finanzielle Bewertung bestätigen oder gar anheben kann, sind mit dem WAI 2.0 jedoch schon möglich. Denn sollte ein Unternehmen einen WAI-e oder einen WWBI über 7 haben, dann zeugt das grundsätzlich von einem höheren Unternehmenswert, als allein durch die Finanzkennziffern abgebildet werden konnte.

Als „Methodenmensch“ war für mich die Begegnung mit dem Konzept des „Facilitators“ schon ein wenig gewöhnungsbedürftig. Der ständige Rückzug auf die Rolle des „Ermöglichers“ ohne Eingriffsmöglichkeiten in fachlicher Hinsicht fällt mir persönlich doch noch schwer. Umso erfreuter war ich, dass mir nach der dritten oder vierten Runde die Anwendung des Instrumentes immer leichter fiel und die Ergebnisse aus dem Dialog immer konkreter und messbarer wurden. 

Mein persönliches Fazit lautet demnach:  „WAI 2.0“ ist aufgrund der wissenschaftlichen Validität und der bisherigen Anwendungspraxis in diversen Ländern geeignet als „Standard“ zur Bewertung des „Leistungsvermögens-Kapitals“ zu wirken. Die Methode der „Facilitation“ ist geeignet, um auf effiziente und effektive Art und Weise einen Prozess innerhalb von Unternehmen zu initiieren, die dem Werterhalt und der Wertsteigerung dienen. Zusammen mit AB-PR und AB-BR liegt somit eine grundsolide Basis vor, um innerhalb von Organisationen zu einem echten und im Fortschritt messbaren System der Veränderung und Wertsteigerung zu kommen.