lidA - leben in der Arbeit

15.05.19

Herr Hasselhorn, warum hat die Erwerbsarbeit in Deutschland ein schlechtes Image?

Herr Hasselhorn: Die lidA-Studie, die mein Lehrstuhl seit einigen Jahren durchführt, zeigt etwas Widersprüchliches: den meisten Babyboomern bedeutet die eigene Arbeit "sehr viel", dennoch wollen nur die wenigsten bis zu ihrem gesetzlichen Rentenalter erwerbstätig sein. Dies deute ich so: Auch wenn "meine Arbeit" mir wichtig ist, finde ich "das Arbeiten" nicht gut.

 

Prof. Hans Martin Hasselhorn ist Facharzt
für Arbeitsmedizin. Er leitet den Lehrstuhl
für Arbeitswissenschaft an der Bergischen
Universität Wuppertal und zusammen mit
seinem Team die „lidA“-Studie.

Und warum brauchen wir eine Diskussion hierzu?

Herr Hasselhorn: "Erwerbsarbeit" wird hierzulande unter Wert diskutiert. Die gesundheits- und persönlichkeitsförderliche Funktionen, die Arbeit auch haben kann, werden nicht ausreichend gesehen. Das hat viele Ursachen, oft natürlich, dass die Arbeit schlicht und einfach schlecht gestaltet ist. Aber dort, wo die Arbeit gut ist – und das ist nach unseren Ergebnissen oft der Fall –, könnte es auch nur daran liegen, dass uns diese wichtigen Funktionen einfach nicht bewusst werden. Wenn man erst in der Rente feststellt, was Arbeit einem gegeben hat, wäre das sehr spät.

 

Was würde eine Diskussion über das Image der Arbeit bewirken?

Herr Hasselhorn: Eine aufrichtige Diskussion in Politik und (Fach-)Gesellschaft könnte in unserem Land zu einer "positiven Arbeitskultur" beitragen. Diese wiederum würde das Anspruchsniveau an die Qualität der Arbeit anheben: schlechte Arbeit würde weniger akzeptabel und tolerabel. Dass dies kein Traum bleiben muss, zeigt die deutlich positivere Arbeitskultur in den skandinavischen Ländern.

 

 

 

Mehr zum Thema finden Sie hier:

 


Wenn keiner bis 67 arbeiten will-  von Hans Martin Hasselhorn bei Der Tagesspiegel (Gastbeitrag) - Link

Die Studie "lidA- leben in der Arbeit" ist eine Kohortenstudie in Deutschland, die das Themenfeld "Arbeit, Alter, Gesundheit und Erwerbsteilhabe" seit 2009 untersucht. Im Abstand von drei Jahren werden ältere Erwerbstätige befragt. Die dritte Befragungswelle wurde im Frühling 2018 durchgeführt.

Hier lidA-Broschüre mit aktuellen Ergebnisse der Studie ansehen oder den lidA-Flyer herunterladen.