Vielfalt vorleben

16.03.21

Stefan KiefeStefan Kiefer: "Die meisten Unternehmensführungen haben erkannt, welche enormen Potentiale in einer diversen Belegschaft liegen."r ist der neue Geschäftsführer von Charta der Vielfalt e. V., der Vielfalt in der Arbeitswelt auf seiner Agenda hat. Als größtes Diversity-Netzwerk Deutschlands hat der Charta der Vielfalt e.V. Vielfalt und Inklusion fest in der Arbeitswelt integriert und bekämpft den Unconscious Bias bereits mit einigen Erfolgen. Dennoch ist es noch ein langer Weg hin zu einer vorurteilsfreien Arbeitswelt. Stefan Kiefer war zuvor Vorstandsvorsitzender der DFL Stiftung und war verantwortlich für das gesellschaftliche Engagement des Profifußballs - also auch dort für Vielfalt, Integration und Inklusion. Am 2. März 2021 hat das Wirtschaftsforum Vielfalt stattgefunden, um drängende Fragen unserer Zeit zu beantworten. Im Nachgang dazu haben wir mit Stefan Kiefer gesprochen, was die aus seiner Sicht dringlichsten Aufgaben und Erfolgsfaktoren sind und wie eine nachhaltige Inklusion gelingen kann.

Am 18.05.2021 findet der Deutsche Diversity-Tag statt. UnterzeichnerInnen der Charta der Vielfalt bieten anlässlich dieses Tages verschiedene Aktionen für ihre Belegschaft und die Öffentlichkeit an. Ob es Aktionen in Ihrer Nähe gibt, erfahren Sie hier.

 

Wie beurteilen Sie die aktuelle Lage der Vielfalt in der deutschen Arbeitswelt?

Diversity und Inclusion sind aus der Arbeitswelt nicht mehr wegzudenken. In über 1.800 Organisationen, die die Charta der Vielfalt bereits unterzeichnet haben, arbeiten insgesamt mehr als 14 Mio. Menschen, was ein deutliches Indiz dafür ist, dass sich die Unternehmen und Institutionen mit der Thematik nicht nur beschäftigen, sondern auch ins Handeln gekommen sind. Viel Positives wurde bereits erreicht, aber es gibt auch noch sehr viel zu tun. Jeder Mensch wünscht sich, als Individuum wertgeschätzt zu werden. Niemand möchte Vorurteilen ausgesetzt sein. Aber Vielfalt muss von den Führungsetagen noch stärker vorgelebt und unterstützt werden, damit ein wertschätzender Umgang und eine vorurteilsfreies Arbeitsumfeld in allen Bereichen der Unternehmen geschätzt und gelebt werden. Und leider hat die aktuelle Pandemie eine Reihe von Teilerfolgen wieder zurückgedrängt und Missstände noch deutlicher sichtbar gemacht. So ist z.B. die Mehrfachbelastung durch Homeoffice, Homeschooling, Kinderbetreuung, Haushalt u.a.m. bei den Frauen deutlich höher als bei den Männern.

Was sehen Sie als die wichtigsten Motivatoren für eine Umsetzung von Vielfalt in Unternehmen?

Die meisten Unternehmensführungen haben erkannt, welche enormen Potentiale in einer diversen Belegschaft liegen. Kreativität, Motivation, Engagement, unterschiedliche Sicht- und Herangehensweisen – all diese Faktoren werden positiv beeinflusst, wenn Menschen in einem von Wertschätzung positiv geprägten Umfeld arbeiten. Und das wiederum steigert die Produktivität und am Ende auch den Umsatz. Insofern wird aus diesem ehemals weichen Thema inzwischen ein Business Case, der bis zur höheren Kundenzufriedenheit führt.

Wie kann es am besten gelingen, die Bedürfnisse eines diversen Teams zu erfüllen?

Zunächst gibt es in den beschriebenen Unternehmen ja bereits diverse Teams, so dass wir unterstellen können, dass der eigentliche Mehrwert im Unternehmen bereits erkannt wurde. Die Bedürfnisse der Teams – oder sagen wir besser die Bedürfnisse der jeweiligen Teammitglieder – sind aber so vielfältig, wie die Dimensionen von Vielfalt selbst. Insofern gibt es hier keinen Königsweg. Wichtig ist aber, dass die Führungskräfte sensibilisiert sind, die Bedürfnisse erkennen und darauf eingehen. Nur so wird ein positives Arbeitsumfeld geschaffen.
 

Wie stehen Sie zur nun beschlossenen Frauenquote? 

Die Frauenquote war letztlich unverzichtbar. Alle Bemühungen im Wege einer Selbstverpflichtung oder auf anderem Wege die geschlechterbezogen gleichberechtige Besetzung von Gremien und Stellen zu erzielen, sind letztlich fehlgeschlagen. Insofern gab es hier einen dringenden Handlungsbedarf, der nun mit der Quote eingeleitet wurde. Allerdings kann die Frauenquote nur ein Mittel zum Zweck sein und muss uns zu der Selbstverständlichkeit führen, die in Stellenbesetzungsfragen aber auch darüber hinaus unerlässlich ist, um die „gläserne Decke“ nicht nur zu durchstoßen, sondern sie zu entfernen. Es ist aber unerlässlich, bereits viel früher zu beginnen als erst bei der Auswahl in die Führungspositionen. Die Förderung von jungen Frauen in Ausbildung und Studium ist hier ein wesentliches Element.


Welche Möglichkeiten sehen Sie für das Bewerbungsmanagement? Z.B. anonymisierte Bewerbungen?

Durch das anonymisierte Bewerbungsverfahren haben BewerberInnen, die ggf. mit Vorurteilen zu kämpfen haben, die Chance, durch ihre Qualifikationen zu überzeugen und niemand wird im Vorfeld aus dem Verfahren ausgeschlossen. Aber abgesehen von der Tatsache, dass gerade BewerberInnen mit wenig Berufserfahrung benachteiligt sind, weil sie nur wenige Qualifikationen und Stationen im Lebenslauf vorweisen können, finden auch die Individualität und die Persönlichkeit der BewerberIn keine Berücksichtigung. Insofern eignet sich das anonymisierte Verfahren sicher nicht für jedes Stellenbesetzungsverfahren und ist somit für mich kein geeignetes Instrument, den Anteil von Frauen entsprechend zu erhöhen. Hier muss ein grundlegendes Umdenken erfolgen, das wir als Charta der Vielfalt an allen Stellen einfordern.

Was sehen Sie als die wichtigsten Aufgaben des Führungsmanagements für die nächsten 5 Jahre?

Es wird immer mehr darum gehen, dass Führungskräfte wirklich zuhören. Sie müssen lernen, die Vielfalt ihrer Mitarbeitenden nicht nur zu erkennen, sondern auch zu nutzen. Gleiches gilt im Übrigen auch für KundInnen, LieferantInnen und alle Teile der Wertschöpfungskette. Die Potentiale, die in diesem zwischenmenschlichen Miteinander liegen, sind noch lange nicht ausreichend erkannt und geschöpft. Diversity und Inclusion müssen von der Spitze der Organisation in die Breite getragen werden sowie glaubwürdig und nachhaltig vorgelebt werden.
 

Sehen Sie durch Corona besondere Herausforderungen für die Integration von Vielfalt in der Arbeitswelt?

Unsere jüngst veröffentlichte Studie zeigt, dass die Bedeutung von Diversity in der Arbeitswelt zunimmt: Zwei Drittel aller Unternehmen in Deutschland sehen mit Diversity-Management konkrete Vorteile verbunden. Vor allem Flexibilität und Offenheit sind Erfolgsfaktoren, mit deren Hilfe Unternehmen auf Veränderungsdruck durch gesellschaftlichen Wandel und globale Trends reagieren. Darüber hinaus belegt die Studie, dass die fortschrittlichen Unternehmen in den letzten Jahren eine Vielzahl von Aktivitäten gestartet haben, um ihre Produktivität und Innovationskraft durch ein wertschätzendes Arbeitsumfeld zu erhöhen. Diejenigen Unternehmen, die sich schon länger und umfangreicher mit Diversity Management beschäftigten, konnten also flexibler auf die Corona-Pandemie reagieren. Die Unternehmen, die bisher kein Diversity Management installiert haben, laufen hingegen Gefahr, schnell den Anschluss zu verlieren.
 

Sehen Sie Chancen in der Digitalisierung? Kann beispielsweise KI helfen, den Unconscious Bias zu bekämpfen? Oder eher das Gegenteil?

Auf jeden Fall kann KI hierbei helfen. KIs haben das Potential, den Unconscious Bias zu bekämpfen. Allerdings wird dies nur gelingen, wenn bei der Entwicklung Diversity bereits mitgedacht wird. Idealerweise erfolgt dieser Prozess durch vielfältig besetzte Teams. Sie können mit ihren diversen Sicht- und Herangehensweisen die unterschiedlichen Bedürfnisse der KundInnen und NutzerInnen abbilden.
 

Welche Chancen sehen Sie in anderen Veränderungsmöglichkeiten durch Digitalisierung, wie z.B. Reduzierung der Arbeitszeit, Abschaffung der 40-Stunden-Woche und neuen Karrieremodellen?

Hier muss der Schwerpunkt auf der Flexibilisierung liegen. Nicht alle Mitarbeitende wollen auf eine 40-Stunden-Woche verzichten. Es geht darum, dass jeder und jedem Beschäftigten eine Arbeitszeit ermöglicht wird, die weitestgehend den individuellen Bedürfnissen entspricht, aber gleichermaßen die betrieblichen Abläufe berücksichtigt. Und das erfolgt nicht nur durch Variation der absoluten Arbeitszeit, sondern beispielsweise auch durch flexible Modelle. Ein Baustein ist sicherlich eine Fokussierung auf die unterschiedlichen Talente der Mitarbeitenden und nicht auf die formellen Qualifikationen. Auf diese Weise können auch qualifizierte Personen mit untypischen Lebensläufen ihren Karriereweg gehen.

 

Was sind die wichtigsten Ergebnisse des Wirtschaftsforums Vielfalt?

Das Wirtschaftsforum war eine deutliche Positionierung der wichtigsten AkteurInnen der deutschen Wirtschaft für Diversity und für eine wertschätzende Arbeitswelt. Flankiert wurde diese Sichtweise durch die Stimmen der Politik. Vielfalt wurde als Schlüsselfaktor für Innovation und Fortschritt des Wirtschaftsstandorts Deutschland bestätigt. Natürlich heißt das nicht, dass wir bereits am Ziel sind. Es ist wichtig, dass die Entwicklung weiter vorangetrieben wird, und dass so viele Organisationen wie möglich die Chance von Vielfalt erkennen und Diversity Management implementieren. Vom Denken ins Handeln zu kommen lautete eine Erkenntnis und die Unterzeichnung der „Charta der Vielfalt“ ist hierfür sicherlich ein guter Start.

Zum Thema "Frauen in Führung" laden das Freiburger Unternehmer-Symposium, das Demografie Netzwerk ddn e.V. und die Firma Streit Service & Solution GmbH & Co. KG am 24. März 2021 zum Digital-Forum "Frauen in Führung stärken - Durch Vorbilder und Netzwerke" mit Frau Christina Ramb ein. Mehr Infos finden Sie hier.

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