Arbeit während und nach Corona - 11 Fragen an Prof. Dr. Stephan Kaiser

17.09.20

Corona bleibt weiterhin aktuell. Immer wieder hören wir, dass die aktuelle Situation unsere Gesellschaft auch in Zukunft prägen und Veränderungen für die zukünftige Arbeitswelt bringen wird. Die Zukunft der Arbeitswelt in jeglicher Hinsicht ist ein Herzensthema des ddn. Wir stellten uns die Frage, wie genau der Einfluss der Pandemie aussehen kann, wie es unsere Arbeitsorganisation verändert und welche Faktoren eine Rolle spielen. Antworten bekamen wir von Prof. Dr. Stephan Kaiser der Universität der Bundeswehr München, Professur für Allgemeine BWL, insb. Personalmanagement und Organisation. Er ist Vorsitzender des Vereins "Zentrum für Forschung und Praxis zukunftsfähiger Unternehmensführung e.V." und führt zurzeit eine Studie zum Thema „Zusammenarbeit in virtuellen Teams während der Corona-Pandemie“ durch.
 

  1. Als Professor für Allgemeine BWL, insb. Personalmanagement und Organisation und Initiator der aktuellen Studie „Zusammenarbeit in virtuellen Teams während der Corona-Pandemie“ haben Sie sich ausführlich mit dem Einfluss der Corona-Pandemie auf die Arbeitswelt beschäftigt. Wie erleben Sie selbst die aktuelle Situation? Vermissen Sie etwas im öffentlichen Diskurs rund um das Thema Corona?

    Die aktuelle Situation, angefangen vom Lock-Down bis heute, erlebe ich wie viele andere Menschen als sehr intensiv: eine hohe Arbeitsbelastung durch die Digitalisierung aller Tätigkeiten und Prozesse, bei uns an der Universität natürlich insbesondere die vollständige Verlagerung der Lehre in den digitalen Raum mit der Nutzung neuer Tools. Und nun der Versuch, hybride Konzepte zu entwickeln, um Präsenz und Digitale Lehre zu verknüpfen. An der Universität der Bundeswehr München funktioniert dies überraschend gut. Gleichzeitig erlebten wir die private Situation mit zwei schulpflichtigen Kindern und zwei Vollzeit berufstätigen Elternteilen, die das große Glück haben, von zuhause arbeiten zu können und dies mit maximaler zeitlicher Flexibilität und optimaler Infrastruktur. Gerade hier wurde mir als Forscher, der sich mit Fragestellungen der Arbeitswelt beschäftigt, klar, wie unterschiedlich doch Arbeit für die/den Einzelne/n aussehen kann. Sie fragen, ob ich etwas im öffentlichen Diskurs rund um Corona vermisse: Nun ja, zunächst begeistert es mich, welch hohe Präsenz das Thema „Arbeiten“ in den Medien bekommen hat, auch wenn der Anlass nicht schön ist. Arbeit macht schon immer einen großen Teil unseres Lebens aus und es ist gut, wenn wir alle Facetten der Arbeitswelt diskutieren. Manchmal vermisse ich in der Diskussion natürlich die Differenziertheit, wenn z.B. Homeoffice als Allheilmittel gelobt wird oder in anderen Berichten komplett verteufelt wird. Die Wahrheit liegt meist in der Mitte. Es fällt mir zudem auf, dass die langfristigen, strategischen Konsequenzen der Veränderungen der Arbeitswelt nicht nur für Unternehmen, sondern auch für die gesamte Gesellschaft zu wenig diskutiert werden.

  2. Werfen wir einen Blick in die Zukunft: Wie sieht der neue Arbeitsalltag aus? Und wie lässt sich die Arbeitsorganisation zukünftig optimal gestalten? Wie können neue Konzepte zur Arbeitszeit aussehen?

    Das ist eine interessante Frage, die sich nicht pauschal für alle Beschäftigten gleich beantworten lässt. Je nach Aufgabenbereich wird Arbeit in Zukunft sehr unterschiedlich aussehen. In der Industrie wird sich z.B. für den Mitarbeitenden an der Montagelinie nicht so viel ändern. Hier wird weiterhin Präsenz gefragt sein und auch die Arbeit wird sich weiterhin hinsichtlich der zeitlichen Taktung stark nach der Produktion richten, wobei wir auch hier starke Flexibilisierungstendenzen beobachten können. Für viele andere „Bürotätigkeiten“ wird man in Zukunft auf ergebnisorientiertere Steuerung setzen. Wann und wo eine Arbeitsaufgabe erledigt wird, ist frei wählbar, wenn dies rechtzeitig und in ausreichender Qualität geschieht. Je mehr unsere Arbeitsaufgaben aber Schnittstellen zu anderen Aufgaben haben, desto komplexer wird die Abstimmung. Hier helfen dann aber wieder unterstützende Softwarelösungen.

  3. Wie kann der Einstieg zurück in den Arbeitsalltag bestmöglich gelingen?

    Zum einen ist es wichtig, dass im privaten Bereich wieder alle Dinge geregelt sind, so dass Arbeit vor Ort im Unternehmen überhaupt möglich ist. Dies betrifft bei vielen, wenn auch nicht bei allen, primär die Kinderbetreuung. Für etliche Mitarbeitende ist nach einem halben Jahr Homeoffice der Weg ins Büro aber auch jenseits dessen wieder ein großer Schritt, wenn sie sich an das Arbeiten von zuhause „gewöhnt“ haben. Gerade bei den nun in vielen Unternehmen geltenden Hygienekonzepten ist auch weiterhin der direkte persönliche Austausch schwierig. Unternehmen und Führungskräfte sollten die Mitarbeitenden dabei unterstützen, Zusammenhalt und Zugehörigkeitsgefühle zu entwickeln und den Wissensaustausch intensivieren.
     
  4. Wie kann man Homeoffice/flexibles Arbeiten und Arbeitsschutz zusammenbringen?

    Dadurch, dass viele Mitarbeitende durch Corona von heute auf morgen ins Homeoffice geschickt wurden, ist das Thema Arbeitsschutz bisher zu kurz gekommen. Nur ein kleiner Teil von Mitarbeitenden hatte Zugriff auf einen vorab eingerichteten Telearbeitsplatz, der allen Maßgaben der Arbeitsstättenverordnung und des Arbeitsschutzgesetzes gerecht wird. Wenn Unternehmen nun das Thema Homeoffice unter dem Label „Smart Work“ oder „Mobile Work“ vorantreiben und Büroflächen im großen Stil abbauen, müssen all diese Themen aber mitgedacht werden. Mitarbeitende werden zuhause langfristig nur dann produktiv sein, wenn sie dort in allen Belangen gut ausgestattete Arbeitsplätze zur Verfügung haben. Es muss im Interesse der Unternehmen sein, die Mitarbeitenden dabei finanziell zu unterstützen. Räumlich wird dies nicht immer gehen, dann kommen Konzepte wie dezentralere Co-Working-Arbeitsplätze in Frage.
     
  5.  Wie kann die Trennung zwischen Arbeit und Freizeit im Homeoffice erhalten werden?

    Wir wissen aus der Forschung seit langem, dass Menschen unterschiedliche Segmentationspräferenzen haben. Es gibt die Integrierer, die wollen Arbeit und Freizeit gar nicht fix trennen, sondern kommen mit Überlappungen gut zurecht. Diejenigen aber, die Arbeit und Freizeit trennen wollen, haben durch das Homeoffice zunächst ein Problem. Die Arbeit ist meist sichtbar und immer in der Nähe. Soweit es eben nur geht, sollte man hier Trennungen herbeiführen: Die Arbeit, wenn vorhanden, in ein reines Arbeitszimmer auslagern, sich selbst klare Arbeitszeiten geben, mobile Geräte wegen der Erreichbarkeit nach der erledigten Arbeit ausschalten und aus dem Weg räumen, Pausen als Erholung von der Arbeit gestalten, usw.
     
  6. Wie muss sich Führung Ihrer Meinung nach anpassen und was müssen Führungskräfte künftig anders machen?

    Viele Führungskräfte haben auch schon bisher verteilte Teams geführt, ohne diese permanent zu sehen. Schon vor zehn Jahren setzten zwei Drittel der internationalen Unternehmen virtuelle Teams ein. Für andere Führungskräfte ist dies aber neu. Insgesamt wird also das Thema „Führung aus Distanz“ deutlich wichtiger. Führungskräfte sollten darauf achten, dass sich ihre Mitarbeitenden auch im virtuellen Raum gleichberechtigt fühlen, dass die Zielsetzung von Anfang an klar ist, dass eine positive Atmosphäre herrscht und Vertrauen aufgebaut wird. Es ist auch darauf zu achten, dass bei den Mitarbeitenden ausreichende Technikkompetenzen und -affinitäten vorliegen. Aus der Forschung wissen wir zudem, dass nach Phasen der reinen „Remote-Kommunikation“ auch wieder Face-to-Face-Treffen und Konfliktlösungen notwendig sind, um die Effektivität von virtuellen Teams zu steigern. Einige Forscher*innen gehen davon aus, dass Führung aus Distanz „inspirierende“ Führungskräfte benötigt.
     
  7. Worin sehen Sie wesentliche Vorteile des Arbeitens von Zuhause aus?

    Vorteile ergeben sich auf beiden Seiten, beim Unternehmen und bei den Mitarbeitenden. Unternehmen profitieren durch die Einsparung von Büroarbeitsplätzen, durch die teils höhere Produktivität von Mitarbeitenden und dadurch, dass sie mit dem Angebot von Homeoffice als attraktiver Arbeitgeber wahrgenommen werden. Mitarbeitende können durch das Homeoffice Privat- und Berufsleben meist besser vereinbaren und sparen sich insbesondere die täglichen Pendelzeiten in die Arbeit.
     
  8. Welche Gefahren und Nachteile sehen Sie für Menschen und Mitarbeitende durch Homeoffice?

    In den aktuellen Studien sehen wir, dass der größere Teil der Mitarbeitenden mit Homeoffice zufrieden ist. Trotzdem müssen wir die Nachteile und Herausforderungen im Blick behalten. Eine Gefahr ist die soziale Isolation, die Mitarbeitende verspüren können. Arbeit ist ein zentraler sinnstiftender Teil des Lebens und Kolleginnen und Kollegen sind wichtige soziale Bezugspunkte für viele Menschen. Aus dem Homeoffice fällt aber gerade der informelle, soziale Kontakt schwer. Zudem gibt es Mitarbeitende, für die das Homeoffice sehr belastend ist, da die räumliche Infrastruktur nicht gegeben oder auch die technische Ausstattung unzureichend ist. Je nach Art der Aufgaben, die man zu bewältigen hat, wird es auch im Homeoffice schwerer sein, Führungskräfte von der eigenen Leistung zu überzeugen. Andere Mitarbeitende werden dagegen über Softwarelösungen kleinteilig leistungsüberwacht, es kommt zu einem sogenannten digitalen Taylorismus, der langfristig nicht motivierend sein wird.
     
  9. Wer profitiert Ihrer Meinung nach am meisten von der neuen digitaleren Arbeitsweise?

    Besserverdienende Mitarbeitende mit unstrukturierten und kreativen Tätigkeiten, die dadurch hohe Freiheitsgrade erlangen und ihre Arbeit zeitlich und örtlich hoch flexibel erledigen können, ohne dabei überwacht zu werden, und die aufgrund ihres Einkommens eine entsprechende Infrastruktur für das digitale Arbeiten herstellen können profitieren meiner Meinung nach am meisten. Daran sieht man auch, dass Homeoffice auch weiter für viele andere Berufsgruppen (z.B. industrielle Fertigung, personenbezogene Dienstleistungen) nicht möglich sein wird. Eine gewisse Zweiteilung der Arbeitsgesellschaft zeichnet sich hier ab, wofür wir alle und die Politik Lösungen suchen müssen.
     
  10. Wird es ein Zurück zur Präsenzkultur geben oder wird Arbeiten aus dem Homeoffice Ihrer Meinung nach zur neuen Normalität?

    Homeoffice wird nicht mehr als Ausnahme empfunden werden und somit Teil einer neuen Normalität. Wir werden aber gleichzeitige andere Arbeitskonzepte, wie z.B. Co-Working-Spaces, sehen, und auch die Rückkehr in das Büro und an andere Arbeitsstätten wird parallel stattfinden, denn ganz auf persönlichen Austausch werden wir nicht verzichten können. Die Arbeitswelt wird somit noch etwas differenzierter aussehen als bisher. Man könnte auch darüber spekulieren, dass es in einigen Berufsfeldern immer weniger Angestellte gibt, sondern stattdessen die Arbeit von Solo-Selbstständigen erledigt wird. Denn das Zugehörigkeitsgefühl zum Unternehmen wird durch Homeoffice schleichend abgebaut.
     
  11. Glauben Sie, die Entwicklung zu mehr Home-Office hat auch einen Einfluss auf andere Bereiche, bspw. Entlastungen für den Wohnungsmarkt, wenn es weniger Büros geben muss und sich die Einzugsgebiete erweitern?

    Mit Sicherheit, das zeichnet sich bereits ab. Für viele Unternehmen ist es ein positiver Business Case, Büroflächen zu reduzieren und die Mitarbeitenden häufiger oder vollständig von Zuhause aus arbeiten zu lassen. Etliche sehr große Konzerne haben dies die letzten Tage und Wochen angekündigt. Dies wird Konsequenzen haben. Wir brauchen weniger Büroarbeitsflächen und die Wohnungen der arbeitenden Bevölkerung müssen mittelfristig und im Schnitt größer werden, da sie um sinnvolle Heimarbeitsplätze ergänzt werden müssen. Berufstätige müssen auch nicht mehr, um Pendelzeiten zu sparen, in der Nähe des Arbeitgebers wohnen. Es ist also auch davon auszugehen, dass Beschäftigte verstärkt darüber nachdenken, aus den Ballungsgebieten auf das Land zu ziehen oder in kleinere Städte. Voraussetzung wird natürlich flächendenkend schnelles Internet sein.
     

Weitere hilfreiche Informationen rund um das Thema Corona, finden Sie auf unserer Corona-Themenseite.

Außerdem gibt es eine neue spannende Studie des BMAS zum Thema "Verbreitung und Auswirkungen von mobiler Arbeit und Homeoffice". Sehr lesenswert!