Arbeit 4.0 - Fachkräftemangel adé?

15.10.15

"Unsere mittelständische Wirtschaft darf sich keinesfalls zurücklehnen und hoffen, dass der Kelch des Fachkräftemangels an ihr vorüber geht." Dies war das Resümee, das die Expertenrunde auf dem Kongress "Arbeit 4.0" am 13. Oktober in Mainz zog. Inhaltlich ging es in dem von ddn mitveranstalteten Kongress um die Folgen der sogenannten vierten industriellen Revolution für die Beschäftigung. Zwar würden Maschinen schon bald viele weitere Routineaufgaben übernehmen, die jetzt noch von Menschen erledigt würden. "Aber damit fällt die Herausforderung der Fachkräftesicherung nicht weg", sagte IHK-Präsident Engelbert Günster. "Es kommt vielmehr eine gewaltige Qualifizierungsaufgabe hinzu", so Günster weiter, wollten die Unternehmen den Wandel in der Produktion meistern und gleichzeitig die Chancen nutzen, die sich durch die Technologiesprünge eröffneten.

Bei dieser Herausforderung stünden viele Unternehmen, so der ddn-Vorstandsvorsitzende Rudolf Kast, noch ziemlich am Anfang und wüssten beispielsweise nicht, wie aus Assistentinnen und Assistenten, die in absehbarer Zeit keine Präsentationen mehr aufbereiten oder Reisen organisieren müssten, Projektmanager werden sollten. Ähnlich sei es bei Beschäftigten in der Fertigung, die künftig sehr viel mehr die digitale Selbststeuerung von Maschinen überwachen müssten als diese einzurichten und zu führen. Kast: "Die Unternehmen müssen erst einmal ermitteln, was von dem bisherigen Können ihrer Mitarbeiter nicht mehr gebraucht werden wird, welches neue Wissen sie benötigen und wie sie es erwerben können." Solche Weiterbildungskataster seien insbesondere bei KMU noch die Ausnahme.

Thorsten Winternheimer, Geschäftsführer des Medienhauses Wolf-Ingelheim, teilt den Eindruck von Kast, dass die Themen Industrie 4.0 und Arbeit 4.0 beim Gros der mittelständischen Unternehmen noch nicht angekommen seien. So schöpften viele seiner Kollegen im Druckgewerbe die Chancen der Digitalisierung nicht konsequent aus, weil sie vor den dafür notwendigen Umstellungen ihrer Prozesse zurück scheuten. Bei Wolf hingegen bilde man schon keine Drucker mehr aus, da man in diesem Berufsbild keine Zukunft sehe. Und Mediengestalter müssten im Medienhaus grundsätzlich eine Programmiersprache lernen, "um sich in der Cloud sicherer bewegen zu können", so Winternheimer wörtlich. Er mahnte eine zügige Reform der  Ausbildungsgänge an.

Günter Jertz, Hauptgeschäftsführer der IHK Rheinhessen, ergänzte, dass nicht nur die mittelständischen Unternehmen "dringend mehr Geschwindigkeit" in das Thema Digitalisierung bringen müssten, sondern auch die Politik in Rheinland-Pfalz: "Bei der Breitband-Infrastruktur zum Beispiel ist Hessen nach unserem Eindruck deutlich weiter."  Der Demografie-Experte und Publizist Winfried Kösters untermauerte die Einschätzung, dass der Fachkräftemangel keinesfalls an Brisanz verlieren werde: "Im Gegenteil. Nicht nur gibt es viele zu wenige Data-Scientists, die jetzt allerorten händeringend gesucht werden. Es fehlen auch die Lehrer und Weiterbildungsexperten, die die digitale Umstellung des Fachwissens nicht nur in den Betrieben, sondern in der ganzen Gesellschaft leisten könnten." Hier werde, so Kösters weiter, auch eine anhaltend starke Zuwanderung nicht so bald für Entspannung sorgen. "Erst einmal benötigen wir für die Integration der Menschen, die zu uns kommen, eine riesige Zahl von Fachkräften in den einschlägigen sozialen und Bildungsberufen, die wir so nicht mehr haben werden."

Kristian Tangermann vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales verwies in diesem Zusammenhang auf das Programm "Unternehmenswert Mensch", das eine Prozessberatung in KMU fördert, die ihre Personalkonzepte fit für die Zukunft machen wollen. Abschließend bekräftigte  IHK-Präsident Günster: "Unsere Kammer versteht sich als Vorreiter und wird die digitale Herausforderung mit Blick auf die Arbeitskräftesicherung weiter thematisieren."

Der Kompaktkongress "Arbeit 4.0 - Fachkräftemangel adé" war eine gemeinsame Veranstaltung der IHK Rheinhessen, des bundesweiten Unternehmensnetzwerks ddn, des Förderprogramms Unternehmenswert Mensch, des  Demografienetzwerks FrankfurtRheinMain und der  Kommunikationsberatung Mandelkern.