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Bloß keine sinnentleerten Standardkurse! - Dr. Alexander Spermann im Interview mit ddn zur Idee des Arbeitslosengeldes Q

Bloß "keine sinnentleerten Standardkurse". Alexander Spermann, Arbeitsmarktexperte und ddn-Mitglied findet den Vorschlag des "Arbeitslosengeldes Q" von SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz gut. Aber nur, wenn "arbeitsnah" ausgebildet wird und zusätzlich Anreize für Arbeitgeber geschaffen werden. Finanzierung aus Steuermitteln ist gerechter.

 

ddn: Herr Spermann, der Kanzlerkandidat der SPD, Martin Schulz, fordert eine mehrjährige Verlängerung des Arbeitslosengeldes, sofern in dieser Zeit eine Qualifizierungsmaßnahme in Anspruch genommen wird. Brauchen wir das so genannte „Arbeitslosengeld Q?“?

Spermann: Martin Schulz schlägt ein Recht auf Weiterbildung vor. Das macht Sinn, wenn daraus kein keine Pflicht zur Weiterbildung wird. Auch dürfen keine sinnentleerten Standardkurse angeboten werden, sondern arbeitsmarktnahe Qualifizierungsmaßnahmen mit integrierten Praktika mit einer hohen Chance auf baldige Wiederanstellung.

ddn: Die Rede ist von einer Dauer von bis zu vier Jahren. Warum solange?

Spermann: Aus dem Arbeitslosengeld Q darf keine zweite Vorruhestandsregelung werden. Vier Jahre ist ein Zeitrahmen, der nicht ausgeschöpft werden muss. Entscheidend ist, dass schnell praxisnah und auf konkrete offene Stellen hin qualifiziert wird. 

ddn: Die Bundesagentur für Arbeit wird zum Weiterbildungsinstitut?

Spermann: Sie sollte – wie bisher auch – die Lotsenfunktion einnehmen. Die Durchführung der Qualifizierung liegt bei den Bildungsträgern. Weiterbildungsware von der Stange hilft nicht weiter, auf den Einzelfall zugeschnittene Weiterbildungen müssen möglich werden. Deshalb sollten die Vorschriften zur Zertifizierung von Trägern und Kursen überprüft werden. Es dürfen nur nachweislich erfolgreiche Weiterbildungen gefördert werden. 

ddn: Bezahlen sollen das die Arbeitnehmer mit ihren Arbeitslosenbeiträgen.

Spermann: Das halte ich für falsch und ungerecht. Besonders belastet würden ausgerechnet Geringverdiener, denn Besserverdienende werden nur bis zur Beitragsbemessungsgrenze belastet. Angemessen wäre eine Finanzierung aus Steuermitteln. Der Anteil der Besserverdienenden würde infolge der Progression hier mehr steigen. 

ddn: Die Arbeitgeber, bisher hälftig am Arbeitslosengeld beteiligt, wären aber außen vor.

Spermann: Das sind sie de facto jetzt schon. Zwar zahlen Arbeitnehmer und Arbeitgeber jeweils 1,5 % vom Bruttoeinkommen in die Arbeitslosenversicherung ein. Doch der Arbeitgeber zieht seinen Anteil gleichsam im Vorfeld vom Gehalt des Arbeitnehmers ab. Würde das nicht geschehen, könnte letzterer um 1,5% mehr verdienen.

ddn: Aber die Weiterbildung kommt den Arbeitgebern doch zu Gute?

Spermann: Zwar geben Arbeitgeber nach eigenen Angaben über 30 Milliarden Euro jährlich für Weiterbildung aus, doch gesamtgesellschaftlich ist das viel zu wenig. Ein Grund liegt darin, dass sie nicht für den Wettbewerb weiterbilden wollen. Ein anderer, dass es sich aus Unternehmenssicht nicht lohnt, älteren Arbeitnehmern eine Weiterbildung anzubieten. Schließlich hören sie sowieso bald auf. 

ddn: Viele müssen heute bis 67 arbeiten, demnächst vielleicht sogar bis 70.

Spermann: Aus diesem Grund plädiere ich dafür, neue Anreizprogramme aufzulegen. Bleiben wir bei den Älteren: Da gab es früher das Programm „Perspektive 50plus“ für ältere Arbeitslose, das Eingliederungszuschüsse an Arbeitgeber und Qualifizierungshilfen ermöglichte. Sehr sinnvoll und sehr erfolgreich. Dieses Programm sollte wiederaufleben.

ddn: Gilt auch für andere Zielgruppen, z.B. Flüchtlinge?

Spermann: Mit zeitlich befristeten Eingliederungszuschüssen können Flüchtlinge von Arbeitgebern kostengünstiger eingestellt werden. Das ist ein wirksames arbeitsmarktpolitisches Mittel.

ddn: Kennen Personalabteilungen eigentlich alle Angebote der Arbeitsagenturen und Jobcenter?

Spermann: Grundsätzlich sind diese bekannt. Aber insbesondere kleine und mittlere Unternehmen scheuen nicht selten den damit verbundenen bürokratischen Aufwand.

 

Das Gespräch führte Andreas Knaut