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Betriebsrenten: Neue Rahmenbedingungen strategisch nutzen und Mitarbeiter binden

Zu Jahresbeginn verabschiedete der Gesetzgeber das "Betriebsrentenstärkungsgesetz (BRSG)".

Es soll helfen die Stellung der betrieblichen Altersversorgung (bAV) als dritte Säule der Altersversorgung zu stärken und mehr Arbeitgeber ermutigen, ihren Angestellten bAV-Programme anzubieten. Angesichts der  Niedrigzinsphase und daraus resultierender Risiken besteht aber gerade bei mittlernen und kleinen Unternehmen unverändert noch viel Unsicherheit zu dem Thema. Wir baten daher unsere Experten Michael Hennig und Carsten Hölscher um Auskunft – Ihr Fazit: Das BRSG bietet für Unternehmen jede Menge Möglichkeiten – wenn man es richtig macht.

Michael Hennig ist Mitglied des Vorstandes des ddn. Er leitet seit 3 Jahren den ddn-Arbeitskreis 10 "Betriebliche Altersversorgung und Zeitwertkonten" und gehört der Arbeitsgemeinschaft Zeitwertkonten im Fachkreis "Bilanz und Steuern" an. Er ist stellvertretender Leiter Investment- und Pensionslösungender Fidelity International und dort zuständig für den Vertrieb des institutionellen Geschäftes im Bereich der betrieblichen Zukunftsvorsorge. Er befasst sich bereits seit über einem Jahrzehnt mit Fragen der betrieblichen Altersversorgung und berät Unternehmenskunden insbesondere auch in diesem Bereich.

Carsten Hölscher ist Mitglied des ddn Arbeitskreises „betriebliche Altersvorsorge und Zeitwertkonten“, des aba Fachausschusses „Arbeitsrecht“ sowie des VUVB (Verband unabhängiger Vergütungsberater). Er ist Rechtsanwalt und Partner des HR-Beratungsunternehmens Aon Hewitt am Standort Wiesbaden und befasst sich insbesondere mit der strategische Ausrichtung, Einführung, Gestaltung, Finanzierung und Kommunikation von Vergütungs- und Versorgungs-programmen. Im Rahmen dieser Tätigkeit hat er in den letzten Jahren viele namhafte multinationale Unternehmen bei der Neuausrichtung ihrer betrieblichen Versorgungswerke begleitet. Carsten Hölscher ist zudem Autor zahlreicher Publikationen und tritt regelmäßig als Referent bei Seminaren und Konferenzen auf.

 

Welche Intention verfolgt der Gesetzgeber mit der Verabschiedung des Betriebsrentenstärkungsgesetzes (BRSG)?

C.H.: Der Gesetzgeber befürchtet, dass für viele Mitarbeiter im Alter die gesetzliche Rente nicht ausreichen wird. Dies liegt zum einen an dem gesunkenen gesetzlichen Rentenniveau. Zum anderen fällt die Rente für viele aufgrund fehlender Beitragszeiten oder des geringen Lebenszeiteinkommens besonders niedrig aus. Nun sollen die Tarifvertragspartner und insbesondere die Arbeitgeber in die Verantwortung genommen werden, um die Lücke zu schließen. Hierbei liegt der Fokus auf Mitarbeiter mit einem geringen Einkommen und kleine bzw. mittelgroße Unternehmen. Hier sind Betriebsrenten noch nicht genügend verbreitet.

 

Was ändert sich durch das BRSG?

C.H.: Das BRSG enthält ein Paket von Änderungen. Neben zahlreichen kleineren steuer- und abgabenrechtlichen Vergünstigungen wird erstmals in Deutschland die sogenannte „reine Beitragszusage“ eingeführt. Dies ist ein echter Paradigmenwechsel. Während der Arbeitgeber für eine Altersversorgung bisher oft bis zum Tod des letzten Hinterbliebenen seines Arbeitnehmers verantwortlich war, endet jetzt sein Engagement bereits mit der Zahlung des vereinbarten Beitrags. Die Verantwortung dafür, dass mit dem Beitrag eine auskömmliche Altersversorgung finanziert wird, tragen andere.

Der Gesetzgeber nimmt hierbei die Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften in der Verantwortung. Die Tarifvertragsparteien sollen Versorgungseinrichtungen gründen, gestalten und steuern, um die Chancen des Kapitalmarktes zugunsten der Arbeitnehmer zu nutzen. Garantien wird es hierbei keine mehr geben.  

 

Worin läge für kleine und mittelständische Unternehmen der Nutzen, erstmalig eine betriebliche Altersversorgung einzuführen?

C.H.: Kleine und mittelständische Unternehmen können nunmehr davon profitieren, größeren Wettbewerbern etwas entgegen setzen zu können. Sie können auch als nicht tarifgebundenes Unternehmen eine Versorgungseinrichtung der Sozialpartner nutzen, um ihren Mitarbeitern eine attraktive Altersversorgung zu bieten. Der Trick besteht darin, den Beitragsaufwand auf mehrere Schultern zu verteilen, d.h. den Staat und den Mitarbeiter hieran zu beteiligen. 

 

Warum setzt die durch das BRSG eingeführte Beitragszusage einen Tarifvertrag voraus?

C.H.: Die Tarifvertragsparteien sollen sicherstellen, dass die hohen Erwartungen an die reine Beitragszusage erfüllt werden. Sie sollen dabei zum einen zur Verbreitung der betrieblichen Altersversorgung beitragen und sollen zum anderen die Garanten für ein ausgewogenes System sein. Dies ist eine herausfordernde Aufgabe.

 

 

Welchen Sinn macht es, gegenüber herkömmlichen Lebensversicherungen auf Garantien zu verzichten?

M.H.: Die Kapitalanlage in klassischen Lebensversicherungen ist dadurch geprägt, dass die Gelder in einen Topf eingezahlt werden, der mit hohen Garantieverpflichtungen aus der Vergangenheit belastet ist. Was bedeutet das für die zukünftige Verzinsung? Durch die aktuelle Niedrigzinsphase, die noch lange anhalten wird, und die Regulierung kann das Kapital nur in einem engen Korsett angelegt werden. Die Rendite wird dadurch langfristig auf einem sehr niedrigen Niveau bewegen. Der Verzicht auf Garantien hingegen macht es möglich, das Kapital flexibler am Kapitalmarkt zu investieren und langfristig wesentlich höhere Renditen zu erwirtschaften. Hier macht sich der Zins- und Zinseszins bemerkbar und die Arbeitnehmer werden zukünftig mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit wesentlich höhere betriebliche Renten beziehen.

 

Sind Renten, die aufgrund fehlender Garantien auch einmal sinken können, überhaupt attraktiv?

M.H.: Ja, auf jeden Fall. Durch den Wegfall von Garantien werden die Zielrenten nicht auf Basis der Garantie kalkuliert, sondern auf Basis valider nachhaltig erzielbarer Renditen. Das bedeutet, dass die in Aussicht gestellten Renten, je nach Alter des Arbeitnehmers, wesentlich höher ausfallen. Auch wenn dann auf dem Weg bis zur Rente die Zielrente angepasst werden muss, ist die Wahrscheinlichkeit eine niedrigere Rente im Rentenalter zu beziehen, absolut gering. Ich denke aber, dass man sich nicht nur den negativen Fall anschauen sollte, es gibt nämlich auch den genauso wahrscheinlichen Fall, dass die Renten höher ausfallen, wenn der Arbeitnehmer in Rente geht.

 

Wie erläutere ich meinen Mitarbeiter die Vorteile eine Beitragszusage?

M.H.: Das ist eine sehr gute Frage. Die Kommunikation wird die wichtigste Aufgabe und auch Herausforderung sein. Hier sehe ich die Sozialpartner genauso in der Verantwortung wie die Anbieter, die für die Umsetzung ausgesucht werden. Dem Arbeitnehmer muss anhand von Beispielen, also durch einen Vergleich von alter und neuer bAV-Welt, deutlich aufgezeigt werden, welche positiven Effekte eine fehlende Garantie auf die langfristige Verzinsung und damit auf die Höhe der Versorgung hat. Die Rentenlücke steigt seit Jahren, da die gesetzliche Rente sinkt. Diese Lücke gilt es möglichst gut zu schliessen und das bedeutet, dass wie bereits erwähnt möglichst hohe Renten mit den Beiträgen erwirtschaftet werden müssen. Das muss dem Arbeitnehmer transparent und leicht verständlich gemacht werden. Letztendlich müssen die Arbeitnehmer Vertrauen in das neue System bekommen.