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Renteneintrittsflexibilisierung

Einleitung

Unter Flexibilisierung des Renteneintritts (oder Rentenzugangs) werden Konzepte verstanden, die eine Aufhebung des starren Übergangs vom Erwerbsleben in den Ruhestand zum Inhalt haben. Ein individuell bestimmter Übergang in die Rente ist gegenwärtig an bestimmte Voraussetzungen geknüpft. 

Bei der Flexibilisierung des Renteneintritts lassen sich mehrere Konzepte unterscheiden: Die Flexibilisierung des Renteneintrittsalters kann aufgrund bestimmter rechtlicher Voraussetzungen erfolgen. Darüber hinaus gibt es individuelle Möglichkeiten der Flexibilisierung wie Altersteilzeit und Teilrente. Des Weiteren werden neue Vorschläge diskutiert, wie der Rentenzugang flexibilisiert werden kann, beispielsweise mit dem Modell des persönlichen Entwicklungskontos.

Flexibilisierung aufgrund bestimmter Voraussetzungen 

Menschen, die 45 Jahre lang Rentenbeiträge in die Rentenversicherung eingezahlt haben und mindestens 65 Jahre alt sind, können abschlagsfrei vor Erreichen des gesetzlichen Renteneintrittsalters in den Ruhestand gehen. Eine Ausnahmeregelung gilt seit 2015 für einige Geburtsjahrgänge mit der Einführung der Rente mit 63. Danach können langjährig Versicherte mit 45 Beitragsjahren bereits mit 63 Jahren ohne Abschläge in Altersrente gehen. Dies gilt für Personen, die bis einschließlich 1952 geboren sind. Für die Geburtsjahrgänge 1953 bis 1963 soll das Renteneintrittsalter schrittweise auf das 65. Lebensjahr angehoben werden. Für alle übrigen gilt die Rente mit 67. 

Ansonsten können langjährig versicherte Personen mit einer Wartezeit von mindestens 35 Jahren frühestens mit 63 Jahren innerhalb eines Rentenkorridors vorzeitig Rente mit Abschlägen beziehen. Hierfür müssen sie für jeden Monat vor dem Zeitpunkt der Regelaltersgrenze einen Abschlag von 0,3 Prozent auf die restliche Rentenlaufzeit hinnehmen. Angesichts der Anhebung des gesetzlichen Renteneintrittsalter auf 67 Jahre müssten Versicherte für einen früheren Renteneintritt ab 2012 maximal 14,4 Prozent (0,3 Prozent x 48 Monate) Abschläge für die gesamte Rentenlaufzeit in Kauf nehmen.

Das Beamtenrecht gibt Polizisten, Feuerwehrmännern und Soldaten die Möglichkeit, vorzeitig in Pension zu gehen. Gleiches sieht das Rentenrecht für langjährig unter Tage beschäftigte Bergleute vor. Für jene Bergleute, die nach dem 31. Dezember 1951 geboren sind, gilt derzeit noch die Altersgrenze von 60 Jahren, die schrittweise auf das 62. Lebensjahr angehoben wird. 

Für Frauen der Jahrgänge vor 1952 gibt es derzeit noch unter bestimmten Voraussetzungen die Altersrente für Frauen und die Altersrente wegen Arbeitslosigkeit oder nach Altersteilzeitarbeit. Auch Frauen, die vor 1952 geboren sind, können die Altersrente frühestens mit 60 Jahren und mit bis zu 18 Prozent Abschlag in Anspruch nehmen. Für Jahrgänge ab 1952 gilt dies jedoch nicht mehr. 

Bei der Erwerbsminderungsrente ist die Altersgrenze 2012 für den abschlagsfreien Rentenbeginn vom damaligen vollendeten 63. Lebensjahr auf das vollendete 65. Lebensjahr angehoben worden. Wer die Erwerbsminderungsrente mit 64 Jahren in Anspruch nimmt, hat einen Rentenabschlag von 3,6 Prozent, mit 63 Jahren von 7,2 Prozent und ab dem 62. vollendeten Lebensjahr und jünger den Höchstabschlag von 10,8 Prozent. 

Individuelle Möglichkeiten der Flexibilisierung 

Altersteilzeit gibt Arbeitnehmern die Möglichkeit, ihre Wochenarbeitszeit in den letzten Jahren ihrer Berufstätigkeit zu reduzieren. Das kann grundsätzlich auf zwei Arten geschehen. Bei der kontinuierlichen Altersteilzeit wird die Wochenarbeitszeit reduziert, sodass der Übergang in den Ruhestand mit dem 65. Geburtstag vollzogen wird. Häufiger ist jedoch das Blockmodell, bei dem zunächst ungekürzt weitergearbeitet wird und der Arbeitnehmer in der sogenannten Freistellungsphase ganz aufhört zu arbeiten. De facto tritt er so vor dem 65. Geburtstag aus dem Erwerbsleben aus. Rund 90 Prozent der Personen, die in Altersteilzeit gehen, wählen dieses Blockmodell. 

Teilrente hingegen ist eine selten genutzte Form eines flexiblen Renteneintritts. Sie wurde 1992 geschaffen und gibt Arbeitnehmern die Möglichkeit, Rente und Erwerbstätigkeit zu kombinieren. Dabei stehen drei Varianten zur Auswahl: Die monatliche Auszahlung der Teilrente kann entweder bei einem Drittel, der Hälfte oder bei zwei Dritteln liegen, abhängig von der Entscheidung, wie viel der Betreffende noch arbeiten und verdienen möchte. Je weniger Teilrente er bezieht, desto mehr darf er hinzuverdienen. Arbeitnehmer ab 62 Jahren können aufgrund ihrer fortdauernden Berufstätigkeit einen Teil ihres bis dahin erreichten Rentenanspruchs mit einem Vorruhestands-Abschlag von 3,6 Prozent in Anspruch nehmen. 

Darüber hinaus gibt es individuelle Modelle, bei denen Mitarbeiter Arbeitsentgelt oder Arbeitszeit einbringen können, um damit eine bezahlte Freistellung zu finanzieren, wie es beispielsweise bei Zeitwertkonten der Fall ist. Hier werden Vergütungs- und Zeitanteile in ein Wertguthaben eingebracht, das später für einen vorgezogenen Ruhestand oder flexible Teilzeitarbeit genutzt werden kann. In einer Studie der Gothaer Versicherung gaben 27 Prozent der Befragten an, Zeitwertkonten zu nutzen bzw. deren Einführung zu planen.

Vorschläge in der Diskussion 

Eine viel diskutierte Variante ist der vorzeitige Rentenzugang aufgrund besonderer Arbeitsbelastungen. Dieser Vorschlag berücksichtigt, dass die Wahrscheinlichkeit auch nach dem 60. Lebensjahr noch beschäftigt zu sein, stark abhängig vom jeweils ausgeübten Beruf ist. 

Das Modell des persönlichen Entwicklungskontos ist ein lebenslauforientierter Ansatz, der bislang noch relativ wenig bekannt ist und über das Instrument von Zeitwertkonten hinausgeht. Im Kern geht es darum, dass Arbeitnehmer Guthaben auf ein individuelles Konto einzahlen, auf das bei Bedarf zurückgegriffen werden kann. So könnten beispielsweise Auszeiten für Weiterbildungen überbrückt werden. 

Das Demographie Netzwerk ddn e.V. favorisiert das System einer Basisrente ab 60, die einen späteren Ausstieg aus dem Erwerbsleben belohnt. Einige europäische Länder wie Schweden praktizieren dieses System bereits, bei dem sich jedes zusätzliche Arbeitsjahr finanziell lohnt. Die Einführung wäre kostenneutral und könnte sich am heutigen Rentenniveau mit entsprechenden Abschlägen bemessen. Bei einer Basisrente ab 60 hätte jeder die Möglichkeit, seinen Rentenanspruch bis zum Erreichen der gesetzlichen Regelaltersgrenze aufzubessern. Zusätzlich soll jeder länger als gesetzlich vorgesehen arbeiten können und damit seine Rentenansprüche weiter erhöhen. Die psychologische Wirkung wäre ein Bewusstseinswandel, der Menschen anspornt, länger zu arbeiten. Jeder Arbeitnehmer hätte nach Erreichen eines Mindestalters für die Inanspruchnahme einer gesetzlichen Rente grundsätzlich die Möglichkeit, unbegrenzt weiter zu arbeiten und zusätzliche Rentenansprüche zu sammeln, soweit unternehmerische und persönliche Belange nicht dagegen sprechen. Die Belohnung einer längeren Verweildauer könnte dazu beitragen, die Potenziale älterer Erwerbspersonen länger und besser nutzen zu können. 

Zwar ist eine flexible Gestaltung des Renteneintritts bereits heute möglich. De facto werden die bestehenden Möglichkeiten aber kaum für einen gleitenden Übergang genutzt. Wertguthaben aus Langzeitkonten, Altersteilzeit oder die betriebliche Altersversorgung können ebenso gut auch zur Verlängerung der Erwerbstätigkeit eingesetzt werden. Beispiele hierfür sind der Bezug einer betrieblichen Teilrente unabhängig vom Bezug einer gesetzlichen Rente und die Anhebung der Hinzuverdienstgrenzen bei vorzeitiger Teilrente. 

Good Practice 

Laboratoires Boiron 

Laboratoires Boiron produziert und vertreibt in Frankreich mit knapp 2 800 Mitarbeitern homöopathische Produkte und Medikamente. Der Anteil der 45-jährigen und älteren Beschäftigten liegt bei knapp 30 Prozent, das Durchschnittsalter bei gut 41 Jahren. Das französische Pharmaunternehmen ermöglicht seinen älteren Beschäftigten einen gleitenden Übergang in den Ruhestand. Bereits seit den 1970er Jahren existiert hier das Angebot "echter" Altersteilzeit, d. h. es gibt die Möglichkeit, die Arbeitszeit vor dem Übergang in den Ruhestand zu reduzieren. Hintergrund für diese Initiative war die Erfahrung, dass ein abrupter Wechsel von einer Vollzeittätigkeit in den Ruhestand bei vielen Beschäftigten vor allem im ersten Jahr nach dem Austritt aus dem Unternehmen zu gesundheitlichen Problemen und Depressionen führte. Ziel der Initiative war es daher, die Arbeitszeit am Ende des Erwerbslebens so zu gestalten, dass ein gleitender Übergang in den Ruhestand und damit die Vorbereitung auf eine neue Lebensphase möglich ist. Die Idee wurde von den Gewerkschaften positiv aufgenommen und bereits 1976 in eine Betriebsvereinbarung überführt. 

In der Betriebsvereinbarung wurde festgehalten, dass die Arbeitszeitreduzierung am Ende des Erwerbslebens freiwillig und bei vollem Lohnausgleich erfolgen muss. Berechtigt zur Arbeitszeitreduzierung sind alle Mitarbeiter über 54 Jahre, die bereits seit fünf Jahren oder länger im Unternehmen beschäftigt sind. Der Zeitraum, über den sich die Arbeitszeitreduzierung erstreckt, reicht dabei von drei bis sechs Jahren, je nachdem, wie viel Zeit dem Mitarbeiter für die Gleitphase zur Verfügung steht. 

Das Ansparmodell sieht vor, dass alle Beschäftigten über ein Zeitkonto verfügen, auf das vom Unternehmen pro Betriebszugehörigkeitsjahr 20 halbe Arbeitstage eingebracht werden, wobei die Obergrenze des Ansparens bei insgesamt 520 halben Tagen liegt. Die angesparte Zeit kann nun in Absprache mit dem direkten Vorgesetzten für eine Reduzierung der wöchentlichen Arbeitszeit über einen festgelegten Zeitraum bis zum Renteneintritt eingebracht werden. Die Finanzierung der Arbeitszeitreduzierung bei vollem Lohnausgleich erfolgt über den Produktivitätszuwachs des Unternehmens. In einer Betriebsvereinbarung ist festgehalten, dass der Ertrag von Produktivitätsgewinnen zur Hälfte an die Beschäftigten geht. Ein Teil dieses Ertrags wird in die Finanzierung der Arbeitszeitreduzierung eingebracht. Im Jahr 2006 nutzten 246 Beschäftigte dieses Arbeitszeitmodell, wobei hier sowohl Beschäftigte aus der Produktion als auch aus dem Management und der Verwaltung vertreten waren. 

Ergebnisse: Auch wenn die Maßnahme bisher nicht wissenschaftlich evaluiert wurde, so schätzen sowohl die Gewerkschaften als auch das Unternehmen selbst, dass durch die Arbeitszeitreduzierung die Motivation der Beschäftigten gesteigert werden konnte. 

  • Erfolgsfaktoren: 
  • Kooperation der Betriebsparteien 
  • Regelung durch Betriebsvereinbarung 
  • Arbeitszeitreduzierung bei vollem Lohnausgleich 

 

 

Nachweise

Einzelnachweise

 

  1. Das Demographie Netzwerk ddn e.V.: Dossier Thema: Gesund arbeiten - flexibel in Rente. [2]
  2. Das Demographie Netzwerk ddn e.V.: Pressemitteilung vom 27.04.2011: ddn fordert zum Tag der Arbeit flexible Rentenübergänge. [3]
  3. Deutsche Rentenversicherung Bund (2010): Altersrente für langjährig Versicherte
  4. Friedrich-Ebert-Stiftung (Hrsg.) (2006): Neue Wege zur Flexibilisierung des Renteneintritts, Bonn.
  5. Sesselmeier, Werner; Aysel Yollu-Tok (2008): Demographie, Beschäftigung und Renteneintrittspolitiken, in: WISO direkt, Februar 2008, Bonn.