Entdecken Sie hier zentrale demographische Begrifflichkeiten und Konzepte. Vom "Altenquotienten" bis zum "Work Ability Index".

Psychische Belastungen und Erkrankungen

Einleitung

Als psychische Belastungen werden alle erfassbaren Einflüsse bezeichnet, die von außen auf den Menschen psychisch einwirken. Diese Belastungen treten nicht nur im Arbeitsleben auf, sondern beispielsweise auch im Familienleben oder der Schule. Psychische Belastungen im Arbeitsleben sind Einflüsse aus der Arbeitsumgebung, der Arbeitsorganisation, den Arbeitsmitteln, der Arbeitsaufgabe und dem Arbeitsplatz (Arbeitsbedingungen). Diese Belastungen können ganz unterschiedlich auf die individuell wahrgenommene psychische Beanspruchung der Beschäftigten wirken. 

Grundsätzlich sind psychische Belastungen  nach der DIN EN ISO 10075 zunächst einmal neutral, da sie sowohl erwünschte Auswirkungen, wie Anregung und Aktivierung, als auch beeinträchtigende Auswirkungen, wie psychische Ermüdung, Monotonie oder psychische Sättigung haben können.

Fakten

Ohne psychische Belastung würden sich Menschen nicht weiterentwickeln. Ein Ausschalten jeglicher psychischer Belastung ist weder möglich noch wäre es wünschenswert. Sie können Stress auslösen, wobei zwei Arten von Stress unterschieden werden: negativer Stress, der als unangenehm, bedrohlich oder überfordernd wahrgenommen wird und positiver Stress, der lebensnotwendig ist und Aufmerksamkeit und Leistungsfähigkeit fördert. Bei einer dauerhaft negativ erlebten Beanspruchung in Form von Fehlbelastung (negativer und Dauerstress) sollten korrigierende Maßnahmen ergriffen werden. In vielen Bereichen kann Arbeit dahingehend optimiert werden, dass sie belastungsgünstig gestaltet wird. 

Die Weltgesundheitsorganisation WHO unterteilt Stress am Arbeitsplatz in Stress, der direkt mit den Arbeitsinhalten (beispielsweise Arbeitszeiten, Aufgaben), einhergeht und Stress, der aus dem Arbeitskontext (beispielsweise soziale Beziehungen) entsteht. Das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit benennt vier Haupteinflussfaktoren für Auslöser von Stressreaktionen: 

1. die Arbeitsaufgabe (z. B. Zeit- und Termindruck) 

2. die Umgebungsbedingungen (z. B. Lärm, mangelhafte ergonomische Verhältnisse) 

3. die betriebliche Organisation (z. B. strukturelle Veränderungen) 

4. die sozialen Verhältnissen (z. B. schlechtes Betriebsklima, mit Konflikten beladene Arbeitsbeziehungen) 

Psychische Belastungen, die ursächlich aus den Arbeitsbedingungen resultieren, werden individuell unterschiedlich wahrgenommen und können Menschen deshalb unterschiedlich stark psychisch beanspruchen. Zentrale Maßnahmen gegen die Zunahme von unerwünschten psychischen Belastungen liegen vor allem in der Optimierung von Arbeitsbedingungen, Arbeitsplatzgestaltung, Arbeitsorganisation und Führungsverhalten. Mitarbeiter sollten geschult werden, sinnvolle Strategien zur Stressvermeidung und -reduzierung zu entwickeln. Mitarbeiterbeteiligungen an Entscheidungsprozessen sowie der Aufbau und die Pflege eines positiven Betriebsklimas sind ebenfalls Maßnahmen, um Belastungen und Stress zu verringern. Hingegen führt chronischer Stress mit großer Wahrscheinlichkeit zu psychischen Erkrankungen. Zu den häufigsten psychischen Krankheiten zählen Depressionen, Angststörungen, psychosomatische- und Suchterkrankungen. Die Weltgesundheitsorganisation vermutet, dass psychische Erkrankungen bis 2020 zur zweithäufigsten Krankheit der Welt (nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen) werden. 

Auf die Arbeitswelt und die Volkswirtschaft hat die Zunahme psychischer Erkrankungen erheblichen Einfluss. Nach Angaben der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) ist die Zahl der Arbeitsunfähigkeitstage (AU-Tage) wegen psychischer Erkrankungen zwischen 2005 und 2012 um mehr als 97 Prozent gestiegen. Im Jahr 2012 wurden bundesweit 60 Millionen AU-Tage aufgrund psychischer Erkrankungen registriert. Ebenso ist der relative Anteil von psychischen Erkrankungen am gesamten Arbeitsunfähigkeitsgeschehen stark gewachsen. Er kletterte seit 1975 bis 2014 von zwei Prozent auf 14,7 Prozent. Die durch psychische Krankheiten ausgelösten Krankheitstage haben sich in diesem Zeitraum verfünffacht. Während psychische Erkrankungen vor 20 Jahren noch nahezu bedeutungslos waren, sind sie heute zweithäufigste Diagnosegruppe bei Krankschreibung bzw. Arbeitsunfähigkeit, wie der BKK Gesundheitsreport 2014 feststellt. 

Besonders bedeutsam sind psychische Erkrankungen auch durch die Krankheitsdauer: Die durchschnittliche Dauer psychisch bedingter Krankheitsfälle ist mit 40,1 Tagen dreimal so hoch wie bei anderen Erkrankungen (13,0 Tage). 

Psychische Erkrankungen sind zudem die häufigste Ursache für krankheitsbedingte Frühberentungen. Zwischen 1994 und 2012 stieg der Anteil von Personen, die aufgrund seelischer Leiden frühzeitig in Rente gingen, nach Angaben der Deutschen Rentenversicherung Bund von 14,5 Prozent auf 41,9 Prozent. Gegenüber dem Jahr 2000 entspricht dies einer Steigerung der Fallzahlen um über 40 Prozent. Im Vergleich zu anderen Diagnosegruppen treten Berentungsfälle wegen "Psychischer und Verhaltensstörungen" deutlich früher ein: das Durchschnittsalter liegt bei 48,3 Jahren.  

Good Practice 

Das Unternehmen Berliner Wasserbetriebe reagiert mit einer telefonischen Familienberatung auf die zunehmende Anzahl von psychischen Erkrankungen in der Arbeitswelt. Seit Anfang 2011 bietet das Unternehmen neben der internen auch eine externe Mitarbeiterberatung an: Mitarbeiter und ihre Angehörigen haben 7 Tage die Woche und 24 Stunden am Tag die Möglichkeit, externes pädagogisches und psychologisches Fachpersonal oder auch eine Familienberatung anonym anzurufen, um dort Unterstützung zu bekommen. Dabei spielt es im Sinne eines integrierten Gesundheitsmanagements keine Rolle, ob es sich um betriebliche oder private Probleme handelt. Denn Störungen im privaten Umfeld wirken sich auch negativ auf die Leistungsfähigkeit im Betrieb aus. Was sich in den USA schon länger unter dem Namen Employee Assistance Program (EAP) etabliert hat, ist für Deutschland noch relativ neu. 

Für die Berliner Wasserbetriebe ist die Einführung der Familienberatung ein Paradigmenwechsel vom Fehlzeitenmanagement zu gesundheitsorientierter Führung. Dazu gehört ein zentral koordiniertes betriebliche Eingliederungsmanagement (BEM) sowie ein betriebliches Gesundheitsmanagement, das Angebote zu gesunder Ernährung und Bewegung sowie den Abbau gesundheitsbelastender Faktoren beinhaltet. 

Nachweise

Einzelnachweise

  1. World Health Organization: Stress at the workplace.[1]
  2. World Health Organization (2004): Work organisation and stress : systematic problem approaches for employers, managers and trade union representatives.[2]
  3. Bayerisches Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit 2006. Psychische Belastungen am Arbeitsplatz – Ursachen, Folgen und Handlungsfelder der Prävention[3]
  4. psyGA – ein Angebot der Initiative Neue Qualität der Arbeit: Daten und Fakten[4]