Entdecken Sie hier zentrale demographische Begrifflichkeiten und Konzepte. Vom "Altenquotienten" bis zum "Work Ability Index".

Flexi-Rente: Arbeiten im Alter

Einleitung

Nach der Verabschiedung des lang diskutierten Gesetzesentwurfes zur sog. "Flexi-Rente" durch Bundestag und Bundesrat im vergangenen November müssen sich Arbeitgeber und Beschäftigte auf neue rechtliche Rahmenbedingungen einstellen. Durch sie sollen bestehende Regelaltersgrenzen aufgeweicht und somit der Zeitpunkt des individuellen Ruhestands freier wählbar werden. Das Gesetz ist ab 01.01.2017 in Kraft.

Daraus ergeben sich einige Änderungen sowohl für Frührentner und Menschen mit Rentenanspruch, die noch länger arbeiten wollen, als auch für die sie beschäftigenden Unternehmen.

 

Fakten

Optionen für die Erwerbsarbeit bei Rentenanspruch

Grundsätzlich bestehen bisher zwei Optionen, nach gesetzlichem Rentenanspruch einer Erwerbsarbeit nachzugehen: zum einen mit Verzicht auf Zahlungen aus der Rentenkasse, zum anderen mit Inanspruchnahme von Teilrentenzahlungen. Option A beinhaltet die Möglichkeit, weitere Entgeltpunkte zu sammeln, um den individuellen Rentenanspruch langfristig zu verbessern. Option B bietet den Vorteil, dass Beiträge zur Rentenversicherung nicht mehr zu leisten sind, was allerdings ggf. wiederum das zu versteuernde Einkommen beeinflusst. Beide Optionen bleiben in dieser grundsätzlichen Form in der neuen Gesetzgebung erhalten, sollen aber durch vereinfachte Rahmenbedingungen die Weiterarbeit im Alter erleichtern.

Gleichzeitig sieht das Gesetz vor, auch auf Arbeitgeberseite Anreize zur Weiterbeschäftigung älterer Arbeitnehmer zu schaffen, indem die bisher anfallenden Beiträge zur Arbeitslosenversicherung für Arbeitnehmer oberhalb der Altersgrenze bei Inanspruchnahme von Teilrente wegfallen. Dies ist zunächst auf die kommenden fünf Jahre befristet, wird allerdings als Beispiel für eine Förderung über die Frist hinaus diskutiert.

Hinzuverdienst

Nach Erreichen der Regelaltersgrenze, also 65 bzw. 67 Jahre (für Personen ab Jahrgang 1964, gültig ab 2031), ist der mögliche Zuverdienst ohne Rentenkürzungen unbegrenzt. Wer bisher aus einem der diversen möglichen Gründe (Behinderung, langjährige Versicherung usw.) schon vor dieser Grenze Rentenzahlungen (teilweise) in Anspruch nimmt, ist in seinem monatlichen Einkommen auf 450€ beschränkt, wobei zwei Monatslöhne eine Höhe von 900€ erreichen dürfen. Wer darüber hinaus mehr verdient, muss mit z.T. erheblichen Kürzungen der Rentenzahlungen je nach der jeweiligen Teilrentenstufe und Einkommenshöhe rechnen.

Die "Flexi-Rente" soll diese Regelung nun deutlich vereinfachen. Statt der Vielzahl von Teilstufen und komplexen Rentenberechnungsmethoden, gibt es ab dem kommenden Jahr eine pauschale Hinzuverdienstgrenze von 6300€ jährlich. Ein Einkommen oberhalb dieser Grenze wird nun zu 40 Prozent auf die bezogene Teilrente angerechnet werden. Liegt die Summe aus gekürzter Rente und dem Hinzuverdienst über dem bisherigen Einkommen (dem besten Einkommen der letzten 15 Kalenderjahre, sogenannter Hinzuverdienstdeckel), wird der darüber liegende Hinzuverdienst zu 100 Prozent auf die verbliebene Teilrente angerechnet.

Ausgleich von Rentenabschlägen durch Frührente

Wer vor Erreichen des 65. Lebensjahres Rentenzahlungen beziehen möchte, erhält also wie beschrieben zwar früher, aber dafür weniger Auszahlungen. Die Verminderung beträgt dabei 0,3 Prozent pro vorzeitigem Bezugsmonat. Nach den bisherigen Regelungen ist es Arbeitnehmern allerdings möglich, ab dem 55. Lebensjahr mithilfe einer Sonderzahlung Ansprüche auf abschlagsfreie Bezüge der Rentenkasse schon vor der Regelaltersgrenze zu "erkaufen". Die Höhe dieser Sonderzahlung richtet sich dabei nach dem Bruttolohn, ihr genauer Betrag kann auf Antrag beim Träger gesetzlicher Rentenversicherung erfragt werden.

Die Neuregelungen rund um die "Flexi-Rente" erlauben es nun Menschen ab 50 Jahren, diese Option in Anspruch zu nehmen - mit entsprechend höheren Zahlungen.

Sollte sich eine Person entschließen, trotz geleisteter Sonderzahlung nicht vorzeitig in den Ruhestand zu gehen, wird der spätere Rentenanspruch gemäß der Höhe der Zahlung angepasst. Eine direkte Rückzahlung ist auch im neuen Gesetz ausgeschlossen.

Aufbesserung der Rentenansprüche

Wer sich entschließt, ohne Bezüge der Rentenkassen über die Regelaltersgrenze hinaus zu arbeiten, kann damit zukünftige Ansprüche erhöhen. Dies geschieht vor allem durch einen monatlichen Zuschlag von 0,5 Prozent pro Monat des Nichtbezugs. Auf Einkommen durch Erwerbsarbeit über dem 65. Lebensjahr entfallen keine Sozialversicherungsbeiträge für Arbeitnehmer, was die Option attraktiver machen soll. Arbeitgeber zahlen jedoch Beiträge zur Sozialversicherung ohne dass sich der Rentenanspruch der Arbeitnehmer erhöht.

Mit der "Flexi-Rente" wird die Option geschaffen, freiwillig Abgaben zu zahlen, um neben dem prozentualen Sonderzuschlag wie in der übrigen Erwerbsbiographie Entgeltpunkte zu sammeln. Mit dieser Neuregelung soll der Einzelperson mehr Handlungsfreiheit in der individuellen Ruhestandsplanung an die Hand gegeben werden.

Auswirkungen auf die Arbeitswelt

In Anbetracht des zunehmenden demographischen Drucks ist die "Flexi-Rente" sowohl als politische Reaktion auf veränderte Rahmenbedingungen als auch als Handlungsimpuls für die freie Marktwirtschaft zu verstehen. Mit der Flexibilisierung der Ruhestandsphase (mit besonderem Augenmerk auf deren Hinauszögern) drängen sich diverse Fragen auf: Ist der durchschnittliche Arbeitnehmer überhaupt in der Lage, über die Regelaltersgrenzen hinaus zu arbeiten? Ist die Beschäftigung Älterer für Unternehmen angesichts technologischer Veränderungen tragbar? Ergibt sich aus den Grenzregelungen nicht auch Missbrauchspotenzial im Sinne prekarisierter Arbeits- und Lebensbedingungen?

Für Arbeitnehmer und Arbeitgeber gleichermaßen bedeuten diese und viele andere Fragen eine Herausforderung. Ob und wie sich in den kommenden Jahren und Jahrzehnten die Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschaftsstandorts Deutschland halten lässt, ist heute noch kaum abzuschätzen. DASS etwas passieren muss, scheint kaum zur Debatte zu stehen. Inwiefern die "Flexi-Rente" ihren Teil dazu beitragen wird, notwendige Gestaltungsimpulse zu liefern, wird sich wohl erst rückblickend mit Sicherheit sagen lassen.

Nachweise

  1. "Gesetz zur Flexibilisierung des Übergangs vom Erwerbsleben in den Ruhestand und zur Stärkung von Prävention und Rehabilitation im Erwerbsleben" (Flexirentengesetz)