Entdecken Sie hier zentrale demographische Begrifflichkeiten und Konzepte. Vom "Altenquotienten" bis zum "Work Ability Index".

Alter(n)skritische Gefährdungsbeurteilung

Einleitung

Aufgabe der Gefährdungsbeurteilung ist es, die von der Arbeit und den Arbeitsbedingungen ausgehenden Gefährdungen zu ermitteln, zu dokumentieren und zu bewerten, um auf dieser Grundlage gegebenenfalls Maßnahmen zu ihrer Beseitigung entwickeln und umsetzen zu können.[1] Bei der vom Gesetzgeber nicht vorgeschriebenen „Alternskritischen Gefährdungsbeurteilung“ rücken zusätzlich Gefährdungen und Belastungen ins Blickfeld, die im biologischen Altersgang der Beschäftigten problematisch werden können. Sie zielt auf alle Beschäftigten eines Unternehmens und kann dazu beitragen, die Arbeitsfähigkeit langfristig zu erhalten, zu fördern und zu verbessern.

Fakten

Die Gefährdungsbeurteilung ist im § 5 des Arbeitsschutzgesetzes fixiert und verpflichtend für alle Arbeitgeber. Im Arbeitsschutzgesetz werden einige Gefährdungen hervorgehoben, die sich insbesondere ergeben durch:

  1. die Gestaltung und die Einrichtung der Arbeitsstätte und des Arbeitsplatzes,

  2. physikalische, chemische und biologische Einwirkungen,

  3. die Gestaltung, die Auswahl und den Einsatz von Arbeitsmitteln, insbesondere von Arbeitsstoffen, Maschinen, Geräten und Anlagen sowie den Umgang damit,

  4. die Gestaltung von Arbeits- und Fertigungsverfahren, Arbeitsabläufen und Arbeitszeit und deren Zusammenwirken,

  5. unzureichende Qualifikation und Unterweisung der Beschäftigten.


Die Gefährdungsbeurteilung zielt über die Verhütung unmittelbarer Gesundheitsgefahren hinaus. Sie soll vielmehr den umfassenden Schutz der Gesundheit der Beschäftigten in psychischer und physischer Hinsicht sicherstellen. Die alter(n)skritische Gefährdungsbeurteilung rückt darüber hinaus auch noch individuelle Aspekte der Beschäftigten in den Fokus. Sie kann dazu beitragen, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter entsprechend ihrer Stärken und Arbeitsfähigkeit in ihrer jeweiligen Lebensphase so eingesetzt werden, dass sie sich bis zum gesetzlichen Rentenalter aktiv und produktiv ins Unternehmen einbringen können.

Die Durchführung einer alter(n)skritischen Gefährdungsbeurteilung geschieht analog zur herkömmlichen Gefährdungsbeurteilung durch Festlegen der zu beurteilenden Arbeitsbereiche und ihrer Arbeitsplätze. Unternehmen können die alter(n)skritische Gefährdungsbeurteilung somit in die bestehenden Strukturen des Gefährdungsmanagements integrieren. Mit Hilfe der Altersstrukturanalyse können Unternehmen systematisch ermitteln, welche Bereiche besonders alterskritisch und alternskritisch sind.

Bei der Durchführung einer alter(n)skritischen Gefährdungsbeurteilung werden zunächst alle den Arbeitsplatz betreffenden Gefährdungen und Belastungen identifiziert, die sich aus der Arbeitsorganisation, dem Arbeitsplatz, den Arbeitsmitteln, den Arbeitsverfahren und der Arbeitsumgebung ergeben können. Eine umfassende Gefährdungsermittlung erfolgt neben der Betriebsbegehung und Vor-Ort-Beobachtungen durch das Auswerten vorhandener Dokumente (Betriebsanweisungen, Gesundheitsberichte, Unfallprotokolle usw.), durch Mitarbeitergespräche, den Einsatz von Fragebögen und Messungen.

Sind alle Gefährdungen und Belastungen ermittelt, geht es im nächsten Schritt darum, diese zu bewerten. In der Praxis werden dafür die vorgefundenen Belastungs- und Gefährdungsfaktoren (Ist-Zustand) mit den Schutzzielen (Soll-Zustand) und Maßstäben (Gesetze, Normen etc.) verglichen. Für die Bewertung existieren spezielle Checklisten, die alle Elemente einer ganzheitlichen Gefährdungsbeurteilung umfassen, wobei die alter(n)skritischen Merkmale mit alter(n)ssensiblen Daten hinterlegt worden sind. Damit am Ende alle Arbeitsplätze auf einen Blick eingestuft werden können, bietet sich ein Ampelmodell an.

Grün bedeutet: Alles in Ordnung, alter(n)skritische Anforderungen sind berücksichtigt, keine weiteren Maßnahmen notwendig.

Gelb bedeutet: Mittleres Risiko, nicht gut, nicht wirklich schlecht. Mit den richtigen Gestaltungsmaßnahmen lassen sich solche Arbeitsplätze mit angemessenem Aufwand ergonomisch verbessern. Bei Unterlassung steht bei bereits vermindert belastbaren Beschäftigten die Gesundheit auf dem Spiel.

Rot bedeutet: Hohes Risiko, solchermaßen bewertete Arbeitsplätze sind nicht alter(n)sgerecht gestaltet und müssen neu gestaltet werden.

Für die Bewertung von physischen Belastungen bieten sich einige auf gesicherten arbeitwissenschaftlichen Erkenntnissen basierende Instrumente an, die alter(n)skritische Aspekt berücksichtigen. So trägt z. B. die von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) entwickelte Leitmerkmalmethode zur Beurteilung der Handhabung von Lasten (LMM) indirekt der Tatsache Rechnung, dass die Muskelkraft des Menschen im Regelfall im Alter abnimmt. Entsprechend lässt sich mit diesem Werkzeug die tatsächlich vorhandene Arbeitsbelastung beim Heben, Halten, Tragen, Ziehen, Schieben sowie bei manuellen, sich wiederholenden Tätigkeiten ermitteln. Am Ende des Verfahrens steht ein mathematisch berechneter Risikowert, der über die Notwendigkeit von Maßnahmen entscheidet. Grundsätzlich ist die Leitmerkmalmethode ein geeignetes Hilfsmittel, um alter(n)skritische Tätigkeiten

bzw. Tätigkeitselemente im Bereich der Handhabung von Lasten zu erkennen.

Auch bei der Bewertung der psychischen Belastungssituation geht es um den Abgleich von Ist-Zustand und Soll-Zustand. Spezielle Fragebögen helfen auch hier bei der Grobanalyse, wobei u. a. die folgenden Aspekte überprüft werden: Vielseitigkeit der Tätigkeit, Ganzheitlichkeit der Arbeitsaufgabe, Handlungsspielraum, Information und Mitsprache bei der Gestaltung von Arbeitsablauf und Arbeitsorganisation, Zusammenarbeit mit anderen Beschäftigten, soziale Unterstützung durch Mitarbeiter und Vorgesetzte usw.

Aus der Arbeitswissenschaft ist mittlerweile bekannt, dass für ältere Beschäftigte zeitliche und inhaltliche Handlungsspielräume bei der Arbeit sehr wichtige Faktoren sind. Diese sind dann gegeben, wenn die Beschäftigten weitgehende Autonomie haben bei der Wahl der eigenen Arbeitsweise, der Arbeitsmittel, der Pausenzeitpunkte, der Arbeitszeit, der Arbeitsgeschwindigkeit, der Arbeitsplanung. Dabei hat der zeitliche Handlungsspielraum für ältere Beschäftigte eine große Bedeutung, da Zeitdruck für diese Beschäftigtengruppe eine besondere Belastung darstellt. Entsprechend profitieren sie besonders stark von einer freieren Zeiteinteilung. Aber auch der inhaltliche Handlungsspielraum ist für Ältere von größerer Bedeutung als für Jüngere. Sind die Entscheidungs- und Kontrollspielräume klein bei gleichzeitig hohen Anforderungen, kommt Stress auf – und zwar bei jung und alt. Einziger Unterschied: Die älteren Beschäftigten können diesen Stress schlechter kompensieren. Und Dauerstress gefährdet die Arbeitsfähigkeit.

Im nächsten Schritt werden dann Maßnahmen entwickelt und umgesetzt, die den Gefährdungen entgegenwirken bzw. diese verringern. Wichtig bei der Umsetzung ist, dass die Betroffenen, aber auch Führungs- und Fachkräfte, sowie Personal- bzw. Betriebsrat einbezogen werden, da der Erfolg der Maßnahmen wesentlich von der Akzeptanz und dem Engagement dieser Personen abhängt. Für die Umsetzung der Maßnahmen empfiehlt es sich, Prioritäten, Zeitplan und Verantwortlichkeiten festzulegen.

Im letzten Schritt schließlich wird die Wirksamkeit der Maßnahmen kritisch überprüft. Eine Beteiligung der Mitarbeiter ist auch hier sinnvoll, um festzustellen, ob das Beschlossene erreicht wurde. Ein Vorher-Nachher-Vergleich soll sicherstellen, ob Maßnahmen auch in die Praxis umgesetzt wurden und Wirkung erzielt haben. Falls nicht, ist eine Wiederholung der Schritte notwendig.

Good Practice

Praxisbeispiel Dräxlmaier [3]

Aktives Gesundheitsmanagement in der Produktion: Der Automobilzulieferer Dräxlmaier bezieht Mitarbeiter ein

Arbeitsplätze in der Produktion sind oft mit physischen und psychischen Belastungen verbunden. Nicht zuletzt vor dem Hintergrund des demographischen Wandels kommt es deshalb hier auf alters- und alternsgerechte Arbeitsbedingungen an. Die Dräxlmaier Group am Standort Landau hat daher gemeinsam mit der AOK Bayern ein Projekt ins Leben gerufen, um die Belastungen für die Beschäftigten nachhaltig zu verringern.

Hohes Arbeitstempo und einseitige Belastungen fordern in der Produktion ihren Tribut: Neben psychischen Belastungen entstehen häufig körperliche Beschwerden z. B. an den Fingern, in der Schulter oder am Rücken.

Die Dräxlmaier Group beschäftigt am Standort Landau an der Isar rund 900 Mitarbeiter mit hohem Frauenanteil in der Produktion. Ziel des Unternehmens war es, die arbeitsbedingten Belastungen zu senken und das Gesundheitsverhaltens der Mitarbeiter zu fördern. Gemeinsam mit der AOK Bayern wurde daher das Programm Agil2 (Aktiv und Gesund in Landau 2) entwickelt. Dabei stand der Aufbau eines dauerhaften Steuergremiums für gesundheitliche Belange und die Neugestaltung der Produktionslinie unter ergonomischen Gesichtspunkten auf der Agenda.

Am Projektbeginn wurde ein Steuerkreis mit den wichtigsten Entscheidungsträgern des Betriebes gebildet. Um die gesetzten Ziele zu erreichen und auch die Kompetenz der Mitarbeiter in das Projekt mit einzubeziehen, wurden verschiedene Analyseinstrumente wie Arbeitsplatzanalyse, Mitarbeiterbefragung und Gesundheitszirkel eingesetzt. Auf der Basis aller Analyseergebnisse entwickelte der Arbeitskreis folgenden Maßnahmekatalog:

  • Einführung eines Rotationsprinzips an den Arbeitsplätzen (sofern dies möglich war)

  • Schaffung von klaren Strukturen bei der Mitarbeiterbesetzung an den Arbeitsplätzen

  • Schaffung von speziell für ältere Mitarbeiter umgestalteten Arbeitsplätzen

  • Anpassung der Produktionsvorgaben an die bestehenden Personalressourcen

  • schnellere Behebung von Maschinenstörungen

  • Möglichkeit zur arbeitsplatzbezogenen Schulung für alle Mitarbeiter

  • Einführung eines Newsletters zur besseren Kommunikation

Durch die Maßnahmen konnten die physischen und psychischen Belastungen deutlich minimiert werden. Der Erfolg war so deutlich, dass die Steuerungsgruppe zum betrieblichen Gesundheitsmanagement weiterentwickelt wurde. Ergebnis:

  • Steigerung der Arbeitszufriedenheit und des Betriebsklimas

Erfolgsfaktoren:

  • gezielte Arbeitsplatzanalysen zur Erkennung von Belastungsfaktoren

  • Die Einbindung der Mitarbeiter in das Projekt diente als Grundlage für die Maßnahmen.

  • Kommunikation mittels Newsletter über bevorstehende Maßnahmen und Stand der Umsetzung zur Mitarbeitergesundheit

  • vertrauensvolle Zusammenarbeit mit dem Projektpartner

Hemmende Faktoren:

  • Durch die Rahmenbedingungen, denen die Automobilzulieferer unterliegen, ist es schwierig, eine langfristige und gezielte Gesundheitsförderung zu betreiben. Kurzfristige Produktionsänderungen, das Reagieren auf Kundenwünsche, gekoppelt mit stetigen kurzfristigen Personalanpassungen, erschweren die Umsetzung gezielter Maßnahmen zur Gesundheitsförderung.

 

Nachweise

Einzelnachweise

  1. Bertelsmann Stiftung, Hans-Böckler-Stiftung, INQA (Hrsg.) (2008): Fit für den demographischen Wandel. Unternehmen mit regionalen Netzwerken unterstützen, Gütersloh: Verlag Bertelsmann Stiftung.

  2. Arbeitsschutzgesetz, Zweiter Abschnitt, § 5 [1]

  3. INQA Datenbank Gute Praxis

Literatur, Publikationen 

  1. Bertelsmann Stiftung, Hans-Böckler-Stiftung, INQA (Hrsg.) (2008): Fit für den demographischen Wandel. Unternehmen mit regionalen Netzwerken unterstützen, Gütersloh: Verlag Bertelsmann Stiftung.

  2. Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (Hrsg.): Aller guten Dinge sind drei! Altersstrukturanalyse, Qualifikationsbedarfsanalyse, alter(n)sgerechte Gefährdungsbeurteilung – drei Werkzeuge für ein demographiefestes Unternehmen. Dortmund [3]

  3. Gruber, Harald; Marlies Kittelmann; Beate Mierdel (2010): Leitfaden für die Gefährdungsbeurteilung. 10. vollständig überarbeitete Auflage. Bochum: Verlag Technik und Information.

Weiterführende Links

  1. Portal Gefährdungsbeurteilung [4]

  2. Arbeitsschutzgesetz, Zweiter Abschnitt, § 5 [5]