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Dass der demographische Wandel Deutschland nachhaltig verändern wird, ist unumstritten. Doch wie gut sind die Unternehmen auf diesen Wandel vorbereitet? Wie genau muss Arbeit organisiert und gestaltet sein, um Motivation und Arbeitsfähigkeit bis ins hohe Alter zu erhalten? Der Arbeitskreis Arbeitsorganisation und -gestaltung des ddn will eben diesen Fragen auf den Grund gehen.
Dietrich Bartelt, aus dem Bereich Strategische HR-Projekte bei der RWE AG und Leiter des Arbeitskreises, erläutert in einem Interview, was es mit dem Work Ability Index (WAI) auf sich hat, was Manager und Vertreter der Mitbestimmung von Betriebsärzten lernen können und bei welchen Berufsgruppen dringender Optimierungsbedarf besteht. Außerdem gewährt er einen Einblick in die bisherigen Erfahrungen der Arbeitskreismitglieder mit dem WAI und gibt einen Ausblick, welche Themen die Mitglieder des Arbeitkreises in Zukunft beschäftigen werden.
Frage 1: Herr Bartelt, in Ihrem Arbeitskreis befassen Sie sich unter anderem mit dem Work Ability Index (WAI). Was genau ist darunter zu verstehen?
Der WAI basiert als Instrument auf einem Fragebogen, mit dessen Hilfe Arbeitnehmer nach ihrer physischen und psychischen Gesundheit befragt werden also danach, wie sie selbst ihre Arbeits- und Leistungsfähigkeit einschätzen. Entwickelt wurde der WAI in den 80er Jahren von Arbeitsmedizinern und Betriebsärzten in Finnland. Mittlerweile hat er sich von einem Messinstrument im herkömmlichen Sinne auch zu einem Indikations- und Steuerungsinstrument entwickelt. Ziel der Anwendung in Betrieben ist die Verbesserung der Arbeitsfähigkeit der Beschäftigten und die frühzeitige Erkennung und zeitnahe Vermeidung von Frühverrentungsrisiken. Unternehmen rund um den Globus nutzen den WAI, der mittlerweile nicht mehr ausschließlich in der betriebsärztlichen Praxis eingesetzt wird, sondern auf den auch Personalverantwortliche und Manager zurückgreifen.
Frage 2: Was genau ist denn unter dem Begriff „Arbeitsfähigkeit" zu verstehen?
Die Arbeitsfähigkeit beschreibt, inwieweit Arbeitnehmer in der Lage sind, ihre Arbeit angesichts der Arbeitsanforderungen, Gesundheit und mentalen Ressourcen zu erledigen. Es ist wichtig, die zwei Dimensionen der Arbeitsfähigkeit im Blick zu behalten: Einmal handelt es sich um die individuellen Ressourcen der Arbeitnehmer - also die körperlichen, mentalen und sozialen Fähigkeiten. Zum anderen geht es um die Arbeit selbst - die Inhalte der Tätigkeit, die Organisation der Arbeit, das soziale Arbeitsumfeld und natürlich auch die Ausgestaltung der Führung. Der durch den WAI ermittelte Wert, soll quasi das Ausmaß der Übereinstimmung dieser beiden Komponenten dokumentieren.
Frage 3: Wie wurde aus dem betriebsärztlichen Fragebogeninstrument ein Management-Tool?
Das Instrument bestand ursprünglich aus einem sehr umfassenden Fragenkatalog und war ausschließlich auf den betriebsärztlichen Einsatz ausgelegt. Wir haben den WAI im Hinblick auf die Anwendung in Management und Personalbereich vereinfacht - schließlich sind die genauen Blutdruckwerte für einen Manager oder einen Personalverantwortlichen nicht relevant und dürfen es auch nicht werden. Neben der Reduktion der Fragen, haben wir daher besonderen Wert auf die Anonymisierung der detaillierten Arbeitnehmerdaten gelegt. Es geht um die Wahrnehmung und die Einschätzung des eigenen physischen und psychischen Befindens und nicht darum, die Krankenakte des Beschäftigten offen zu legen. Für die Berechnung des WAI reicht es daher nach unserer Auffassung vollkommen aus, wenn ein Arbeitnehmer seine physische und psychische Arbeitsfähigkeit auf einer Skala von 0 bis 10 einschätzt. Wichtig ist, dass die Befragung in regelmäßigen Abständen - also monatlich oder sogar täglich - vorgenommen wird. Und was natürlich das Wichtigste ist: Die erhobenen Daten sollen nicht nur zu Kenntnis genommen werden, sondern konkrete Handlungen und Maßnahmen nach sich ziehen. Der Index hilft dabei, individuelle, situative und organisatorische Defizite, aber auch Handlungsbedarfe bei der Mitarbeiterführung zu erkennen und genau das sollten Unternehmen für sich und für ihre Mitarbeiter nutzen. Das Motto muss lauten: Vorsorge statt Nachsorge. Und bei der Gestaltung der präventiven Maßnahmen sollte man besonderes Augenmerk auf nachhaltige und effektive Gestaltung legen.
Frage 4: Kommen wir von der Wissenschaft zur Praxis: Worin liegt der konkrete Nutzen des WAI für Arbeitnehmer und Arbeitgeber?
Für die Erwerbstätigen ist eine gute Arbeitsfähigkeit die wesentliche Grundlage für das Wohlbefinden. Es gilt, die Arbeitsanforderungen mit den physischen und psychischen Ressourcen des Einzelnen in Einklang zu bringen. In Anbetracht des demographischen Wandels ist das alles andere als eine einfache Aufgabe und vor allem auch eine Aufgabe, deren Bewältigung Zeit und Ressourcen in Anspruch nimmt. In Deutschland ist das Bewusstsein, dass die Arbeitsorganisation sich entsprechend der Veränderungen der Altersstruktur unserer Gesellschaft anpassen muss, nur unzureichend vorhanden. Die skandinavischen Länder sind da um einiges weiter als wir. Während bei uns oftmals eine 50 Kilogramm schwere Krankenschwester einen 100 Kilogramm schweren Patienten alleine stützen und umbetten muss, werden in diesen Ländern meist zwei Fachkräfte für diese Arbeiten eingesetzt. Daher überraschen die Ergebnisse der europäischen NEXT-Studie (Nurses-early-exit-Studie) der Bergischen Universität Wuppertal nicht: Pflegeberufe gehören zu den klassischen „Aussteigerberufen". Laut der Studie denkt jeder fünfte Beschäftigte aus der Pflege darüber nach aufzuhören. Ein alarmierendes Ergebnis vor dem Hintergrund, dass die Zahl der pflegebedürftigen Menschen steigt während die Anzahl der Erwerbspersonen sinkt. Aber nicht nur im Pflegebereich gilt es aktiv zu werden. Unternehmenslenker aller Branchen sollten sich jetzt für die bevorstehenden Herausforderungen des demographischen Wandels rüsten und die Leistung, Produktivität und Innovationsfähigkeit ihres Unternehmens sichern. Genau diese Faktoren hängen von der Arbeitsfähigkeit der Beschäftigten ab. Die Steigerung der Arbeitsfähigkeit kommt also nicht nur Arbeitnehmern, sondern auch Arbeitgebern zugute.
Frage 5: Gibt es neben dem Pflegepersonal einen weiteren Berufstand, bei dem Sie besondern Nachholbedarf sehen?
Ich sehe gerade bei Berufen mit großer gesellschaftlicher Bedeutung großen Nachholbedarf - zum Beispiel bei Lehrern. Die Quote der Frühverrentung ist in diesem Berufsstand enorm. Anders als bei den Pflegeberufen ist das weniger auf die physischen, als viel mehr auf die psychischen Belastungen zurückzuführen. Oft wird vermutet, dass die steigende Zahl der Berufsaussteiger hier an den wachsenden Klassengrößen und dem immer umfassenderen Erziehungsauftrag liegt. Fakt ist aber, dass vor allem der hohe Leistungsdruck und die mangelnde Entscheidungsfähigkeit eine immense Rolle spielen. Durch die Veränderungen im Schulsystem - z.B. der Verkürzung der Schulzeit des Gymnasiums und die breitflächige Einführung des Zentralabiturs - haben sich die Gestaltungsmöglichkeiten des Lehrpersonals auch durch die resultierende „Überregulierung" enorm eingeschränkt. Sie machen quasi nur noch „Dienst nach Lehrplan" und dieser Mangel an Entscheidungsfreiheit wirkt sich demotivierend auf den Berufsstand aus. Gerade bei diesen Menschen, die eine Vorbildfunktion für unsere Kinder einnehmen, sehe ich daher großen Optimierungsbedarf in Sachen Arbeitsfähigkeit. Nicht die Beschleunigung, sondern die Entschleunigung unseres Systems sollte im Zusammenhang einer nachhaltigen und demographiefesten Entwicklung unserer Gesellschaft angestrebt werden. Eine sehr gute Arbeitsfähigkeit der Lehrer, genügend Zeit für die individuelle Förderung unserer Kinder verbunden mit der notwendigen Gelassenheit und Begeisterungsfähigkeit unserer Kinder bilden hierzu die Grundlage.
Frage 6: Worauf muss ein Unternehmen bei der Einführung des WAI als Managementtool achten?
Bevor der WAI zum Einsatz kommt, sollte sicher gestellt sein, dass im Unternehmen ein gutes Vertrauensverhältnis herrscht. Viele Arbeitnehmervertreter standen und stehen dem WAI sehr skeptisch gegenüber. Sie befürchteten, dass ein geringer WAI-Wert Anlass zum Ausschluss aus dem Unternehmen sein könnte. Das darf natürlich keinesfalls passieren! Mit der Weiterentwicklung und Anonymisierung des Index haben wir genau dem vorgebeugt. Damit auf beiden Seiten Einigkeit zu der Nutzung des WAI besteht, ist es dennoch sinnvoll, dass sich Management und Betriebsrat detailliert über den Einsatz des WAI austauschen und gemeinsam Vereinbarungen, wie einen Entlassungsschutz, treffen. Grundvoraussetzung für diesen Austausch ist, dass alle Mitglieder des Unternehmens umfassend über den WAI als Management-Tool informiert sind.
Frage 7: Welche Themen werden Sie in der nächsten Zeit in Ihrem Arbeitskreis bearbeiten? Welche Ziele möchten Sie gemeinsam mit den Mitgliedern erreichen?
Unser Arbeitskreis soll auch in Zukunft ein Innovationsforum für die Schaffung von neuen Lösungen zum Thema nachhaltige Arbeitsfähigkeit sein. Dabei lautet unsere zentrale Fragestellung: Was sind ideale Bedingungen für eine nachhaltige Arbeitsfähigkeit? Im Zuge dessen wollen wir für den Erhalt der nachhaltigen „Arbeitsfähigkeit" zentrale Steuerungsinstrumente entwickeln. Dazu gehört auch das Thema effektive Führung - insbesondere aus neurobiologischer Sicht. In Kontext des direkten Kontakts zwischen Führungskraft und Mitarbeiter spielen außerdem diese vier Themenfelder eine wichtige Rolle: Wahrnehmung und Einschätzung (dabei insbesondere die Fremd- und Selbstwahrnehmung und -einschätzung), Kompetenzbilanzierung und intrinsische Motive, Vertrauen und Motivation im Unternehmen und physische und psychische Arbeitsfähigkeit.